Geht Klimaschutz auch ohne Moral?

Wie können wir die Menschen dazu bringen, etwas für die Umwelt zu tun? Indem wir an ihre Moral appellieren, oder indem wir ihre persönlichen Interessen ansprechen? An dieser Frage scheiden sich im Naturschutz die Geister. Gleichzeitig ist ihre Beantwortung Grundlage für alle Strategien der Umweltkommunikation. Die Begründung für das ewige „Wir müssen handeln“ ist Interpretationssache, zeigt uns aber in jedem Fall unsere gesellschaftlichen Grenzen auf – ähnlich wie bei der Finzanzkrise.

Oft frage ich mich: Ist es nicht eher kontraproduktiv, mit erhobenem Zeigefinger den Lebensstil „der anderen“ zu verteufeln? Schließlich ist das eine denkbar unattraktive Botschaft für den Durchschnittsverbraucher. Und vielleicht ist es – noch schlimmer – „doppelmoralisch“, weil wir selbst nie immer konsequent umweltgerecht handeln können. Anreize schaffen, an Statusbildung und Selbstverwirklichung anknüpfen, so klingt der vielversprechende Gegenentwurf zur moralinsauren Konsumkritik.

Und schon zweifle ich wieder: Ist es überhaupt legitim, den Menschen anhand seiner Reflexe neu ausrichten zu wollen? Degradieren wir den Umweltschutz, wenn wir ihn auf Fun- und Geldmotive reduzieren? Müssen wir die Menschen nicht einfach effektiver informieren als bisher, in der Hoffnung, die schockierenden Fakten würden schon ihre Wirkung entfalten?

Wir müssen endlich moralischer werden, fordert Bernward Gesang, Philosophieprofessor der Uni Mannheim und Autor des Buches „Klimaethik“. Davon sei das Überleben der Menschheit abhängig. Die Auffassung, der Klimawandel treffe nur die weit entfernten, ärmeren Länder, sei inzwischen Mythos. Wenn wir das 2°-Ziel nicht schaffen (und dies zu verfehlen geben wir uns gerade gehörige Mühe), führen Dominoeffekte im Klimasystem (die sogenannten „tipping points“) zu einem zusätzlichen Temperaturanstieg.

Bei einer Erwärmung um fünf bis sieben Grad ginge es nicht mehr darum, ob wir in Deutschland südliche Weinsorten anbauen können. Rekordhaftes Artensterben und Wetterextreme stünden bevor, aber auch Verteilungskämpfe und Ressourcenkonflikte seien uns sicher. Schon heute finden rund 80 Prozent der Konflikte in der Welt in ariden (trockenen) Gebieten statt. Der Klimawandel ist ein Beschleuniger humanitärer Krisen. Es muss doch ausreichen, das den Menschen klar zu machen und sie bei der Moral zu packen, um Veränderungen zu bewirken!

Moraldiskussionen bringen wenig, man sollte an das Eigeninteresse von Menschen appellieren, sagt hingegen Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen und Mitglied eines Beirats der Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen. Gemeinsam mit Harald Welzer fordert Leggewie in „Das Ende der Welt wie wir sie kannten“ neue Denkmuster. Die beiden Wissenschaftler vertrauen dabei allerdings weniger den etablierten Parteien, sondern erhoffen sich vielmehr ein wachsendes Bürgerengagement – vergleichbar mit der Frauenbewegung. „Die Bürgergesellschaft muss aus der bloß gefühlten Partizipation des Fernsehzuschauers in die Rolle des selbstbewussten Akteurs zurückfinden.“ Klar, das ist viel verlangt, und daher nur erwartbar, wenn jeder selbst etwas Positives für sich dabei rausziehen kann.

Leggewie und Gesang standen sich kürzlich bei einer interessanten Gesprächsrunde zum Thema „Klimaethik – Welche Rechte haben zukünftige Generationen“ gegenüber. Einig waren sich beide darin, dass sich beim schleppenden Klimaschutz die gleichen geistigen Beschränkungen ausmachen lassen wie bei der Finanzkrise. Soll heißen:

Wir neigen dazu, zu kurz zu denken und das Wesentliche vor uns her zu schieben. Ob bei der Klima- oder Wirtschaftskrise, unterbewusst hoffen wir: Die zukünftigen Generationen werden das schon regeln. Fortschrittsoptimismus könnte man es nennen – oder Verdrängung. Die ersehnten Lösungsvorschläge werden immer großtechnischer, die Erwartungen an die Entwickler und Strategen der Zukunft immer gigantischer. Statt selbst Ideen beizusteuern, planen Banker und Wirtschaftsprüfer aber nur in Quartalsbilanzen, denken Politiker in Legislaturperioden und Umfragephasen. Dieses Kurzfristdenken ist uns ganz recht, denn es ist ja so bequem.

Ist es denn zu viel von uns verlangt, ein paar mutige Jahrzehnte im Voraus zu denken? Gesang sagt: Nein, denn dieses Kurzfristdenken ist nicht anthropologisch, wir haben es uns angewohnt und müssten es uns demnach auch abgewöhnen können. Wenn wir Techniken entwickeln, die so langfristige Folgen haben wie etwa die Kohle- oder Atomkraft, dann seien wir dazu verpflichtet, auch sonst größere Schritte zu machen, argumentiert Gesang in der Diskussion. Dabei zeichnet er ein Konzept einer demokratisch gewählten Experteninstanz, denn die derzeitigen politischen Institutionen seien offensichtlich ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen.

Nun sollte man meinen, das Abgewöhnen sei recht einfach, denn schließlich wünschten sich die Menschen große Schritte – aber nur solange diese Schritte sie selbst nicht betreffen. Genauer gesagt wollen sie nicht einmal kleine Schritte in ihrem eigenen „backyard“ zulassen. Die 2010 veröffentlichte Umweltbewusstseinstudie zeigt, dass das Thema längst angekommen ist: Fast zwei Drittel der Befragten (62 Prozent) sind der Ansicht, dass der Staat mehr für den Umweltschutz tun solle. Und 85 Prozent stimmen dem Statement zu: „Wir brauchen einen konsequenten Umstieg auf erneuerbare Energien“. „Die Umfrage widerlegt Befürchtungen, dass die Finanzkrise den Umweltschutz in den Augen der Menschen in Deutschland weniger wichtig machen würde“, sagte UBA-Präsident Jochen Flasbarth. Das bekundete Umweltbewusstsein schlägt sich aber noch nicht durchgängig in einem entsprechenden Umweltverhalten nieder. So haben nur acht Prozent der Deutschen bislang auf Ökostrom gewechselt.

So geht das nicht, ihr müsst euch ändern, möchte man da rufen! Aber da haben wir’s wieder: Die Deutschen sind ein „pädagogisches Volk, das gerne andere belehrt“, so Leggewie in der Gesprächsrunde. Leggewie setzt weniger auf Vorgaben „von oben“, sondern auf die Förderung des Engagements jedes einzelnen. Die Verantwortlichen müssen auf Taktik setzen und nicht auf Moral, um Trotzreaktionen bei den Menschen zu vermeiden. Der moralische Zeigefinger komme einfach nicht an, der Naturschutz sollte auf Abstand zu den Katastrophenszenarien gehen und sich auf Win-Win-Situationen konzentrieren.

Wie könnte der Win-Win-Alltag aussehen? Person X soll nicht ein umweltfreundliches Auto fahren, weil es am anderen Ende der Welt jemandem die Existenz rettet, sondern weil ihr Status deshalb steigt. Sie soll sich umweltpolitisch engagieren, weil sie dann etwas für ihren Lebenslauf tun kann. Sie soll nachhaltiger leben, weil es sich auch finanziell für sie lohnt. Umweltsoziologen kennen diesen Ansatz und bezeichnen ihn auch als „Anreiz-“ oder „Motivkoalitionen“. Die Moral für sich allein ist allzu schnell den elementaren Regungen des Nutzens und der Sorge unterlegen. Sobald das Ethische jedoch mit einem wohlverstandenen Eigennutz zusammengeführt wird, entfaltet es eine starke Bindekraft. Person X denkt sich: Mein eigenes Wohl und das der anderen Menschen gehören zusammen.

Win-Win-Situationen sind natürlich erstrebenswert, entgegnet Gesang, wenn beide Parteien etwas davon haben. Aber es sei Augenwischerei, so zu tun, als könne man der Klimakrise allein mit Win-Win-Situationen beikommen, und am Schluss würde noch ein gutes Geschäft dabei rausspringen. Klimaschutz werde kosten, und zwar netto, und es werde der bezahlen müsen, der bezahlen kann – und das sind wir. Die ethische Überzeugung, etwas zu zahlen, müsse also in jedem von uns keimen – ansonsten brauchen wir gar nicht anfangen mit dem Klimaschutz. Gesang bringt in diesem Zusammenhang die Idee eines globalen Emissionshandels auf den Tisch, bei dem tatsächlich auf individueller Ebene Zertifikate ver- und gekauft werden. Ein Inder erhielte demnach Geld, wenn ein Deutscher in den Urlaub fliegt. Wäre das mehrheitsfähig?

Das ethische Gewicht der Naturschutzargumente liegt auf der Hand. Dennoch geht es zu langsam voran mit der grünen Gesellschaft. Doch auch wenn der Ansatz der Motivkoalitionen plausibel klingt, rein auf den persönlichen Vorteil bedachte Strategien nach dem Motto „Grün ist geil“ können die Welt auch nicht retten. Sie laufen Gefahr, die Glaubwürdigkeit des Umweltschutzes zu unterhöhlen. Letztlich ist es eine Frage der Zielgruppe – für welchen Ansatz ist dieser Personenkreis eher empfänglich? Fast immer wird die Antwort lauten: für eine Mischung aus beidem, in unterschiedlichen Abstufungen. Also: Auf der einen Seite die Dringlichkeit des Problems erläutern (aber auch die Lösungsmöglichkeiten!), und auf der anderen Seite konstruktive Anreize schaffen (ohne die Menschen moralisch zu beleidigen!) – das wäre doch ein zielführender Kompromiss. Tja, gesellschaftlicher Naturschutz, eigentlich eine schöne Gestaltungsaufgabe für dich – wäre da nicht dieser schreckliche Zeitdruck…

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3 Kommentare

  1. Freitag · Februar 24, 2012

    Sehr schön geschrieben und auf jeden Fall ein großes Problem! Wenn die Menschen auf Anweisungen „von oben“ warten, um dann damit anzufangen sich und ihren Lebensstil zu ändern ist es auf jeden Fall zu spät. Aber bei dem Gedanken die Menschen dazu zu bringen sich zu ändern indem es ihnen (noch mehr) Geld oder (noch mehr) Ansehen bringt wird mir übel… Wahrscheinlich gibt es für einen großen Teil der Menscheit keinen anderen Weg – traurig aber war!

  2. Franzi · Januar 30, 2012

    Ein spannender Blog, ich bin begeistert! Seit ich in Kanada bin mache ich auch so meine Erfahrungen mit dem bloggen und ich muss zugeben… es macht Spaß 😉
    Deine Themen sind klasse, ich werde auf jeden Fall dran bleiben 🙂

  3. Doro · Januar 30, 2012

    Wie cool, du bloggst :o) Und toller Artikel auch! Regt sehr zum Nachdenken an… Freu mich schon auf alle weiteren ;o)

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