Hallo Jugendprotest! Noch da?

Cool, angepasst, leistungsorientiert… die „Jugend“ wirkt seltsam unaufgeregt. Wenn man überhaupt von der Jugend sprechen kann. Wo sind die Massen von Jugendlichen, die gegen Falsches und Etabliertes aufbegehren? Ihre antirebellische Haltung gegenüber der Erwachsenenwelt legt den Schluss nah, die Jugend sei verunsichert und vor allem mit sich selbst beschäftigt – oder ist sie einfach nur unterschätzt? Baut sich vielleicht eine völlig neue Protestkultur auf?

Früher waren Jugendliche Trendsetter und Wertewandler, heute zerfließt die Jugend in unzählige individuelle Lebensentwürfe – so der Tenor eines 3sat-Beitrags über die „Jetzt-Generation„. Damit büße die heutige Jugendkultur eine Funktion ein, die frühere so sehr ausgezeichnet hatte: das Selbstverständnis ganzer Generationen zu bestimmen.

Wir leben in einem ständigen Wandel, aber es sei kein geplanter Wandel, erklärt Soziologe Helmut Klages. Dieses Phänomen gelte für die Erwachsenen ebenso wie für die Jugendlichen. In einer Art „produktivem Chaos“ lebe jeder nach seinen eigenen Vorstellungen. Der Grund dafür liege in den unüberschaubar vielen Möglichkeiten, die wir heute haben – da könne man nur experimentieren, da müsse man einfach immer von Position zu Position wechseln. Jugendkulturen stellen heute die persönliche Entfaltung in den Mittelpunkt, nicht mehr den großen Zoff mit der Rest-Gesellschaft.

Bernhard Hainzlmaier vom Institut für Jugendforschung spricht folglich in der 3sat-Doku vom „Terror der Möglichkeiten und Optionen“. Marc Calmbach vom Berliner Sinus Institut sieht die Entwicklung weniger problematisch: Die Jugendlichen manövrierten ziemlich gut durch diese Unübersichtlichkeit. Es scheint, als haben sich viele Jugendliche ganz pragmatisch damit abgefunden, dass ihre Welt superkomplex ist. Es gehe ihnen nun weniger darum, die Gesellschaft infrage zu stellen, sondern sich selbst darin zu positionieren, erklärt Calmbach. Deshalb verlören große Ideologien zunehmend an Anziehungskraft.

Vom Materialismus zum Postmaterialismus zum Individualismus: Nach mehreren Jahrzehnten extrovertierter Jugendbewegungen ging der Antrieb verloren, ein gesamtgesellschaftliches Thema, das große Gruppen vereint. Stattdessen leben Jugendliche in einer „überbefreiten Gesellschaft“, der Überfluss erzeugt einen Mangel an Sinn. Bevor man nichts tut, macht man lieber irgendwas. Überraschenderweise sind „spießige“ Werte heute wieder in, weil sie Ordnung versprechen – Ordnung im Feld der innovativen Unordnung.

Der Soziologe Hainzlmaier zeichnet ein entsprechend düsteres Bild: Jugendliche wissen zwar, dass vieles nicht in Ordnung ist was passiert, sie machen aber trotzdem mit, weil sie die pragmatische Einsicht haben, dass sie so am einfachsten durch’s Leben kommen. In den nächsten Jahrzehnten werde der marktwirtschaftliche Mensch dominieren und sich nur versammeln zu Gemeinschaften, wenn er selbst davon profitiert.

Es gibt aber auch Anzeichen, die einen Gegentrend aufzeigen. Werden Jugendliche etwa wieder protestfreudiger? An großgesellschaftlichen Themen mangelt es nicht. Wirtschaftskrise, Klimawandel, digitale Gesellschaft – „Wir sind die 99 %“ steht auf Protestplakaten, und schon kommt wieder Hoffnung auf, die Jugend sei vielleicht doch nicht so teilnahmslos und ichbezogen.

Wie stehen also die Chancen für eine aktive Jugend – insbesondere im Hinblick auf den Umweltschutz? Zwei aktuelle Studien liefern hierzu interessante Antworten. Laut Jugend-Shell Studie 2010 sind im Vergleich zu den Vorjahren immer mehr Jugendliche sozial engagiert: 39 Prozent setzen sich häufig für soziale oder gesellschaftliche Zwecke ein. Dabei ist entscheidend, aus welchem sozialen Milieu jemand stammt. Je gebildeter und privilegierter die Jugendlichen sind, desto häufiger sind sie im Alltag aktiv für den guten Zweck.

Der Klimawandel sei weiterhin ein Top-Thema bei Jugendlichen. Viele zögen inzwischen persönliche Konsequenzen, indem sie auf ein umweltbewusstes Verhalten achten. Immerhin jeder zweite spart im Alltag bewusst Energie, 44 Prozent versuchen, häufiger mit dem Fahrrad zu fahren und das Auto stehen zu lassen, und 39 Prozent entscheiden sich für ein kleineres Auto mit geringerem Verbrauch. Ein großer Teil kann sich vorstellen, ehrenamtlich aktiv zu werden.

Dass Jugendliche dabei aber auch wenig Geduld mitbringen, zeigen die Ergebnisse der Focus-Schule-Studie 2012. „Mehr als ein Drittel engagiert sich in einer Organisation. Doch oft werden die Teenies ungeduldig“, erläutert Claus Tully vom Deutschen Jugendinstitut die Ergebnisse der Umfrage unter 700 Schülern. „Sie erwarten, dass sich schnell etwas verändert – hier und jetzt. Es dauert ihnen zu lange, bis sie Ergebnisse sehen. Deshalb schmeißen viele ihr Ehrenamt schnell wieder hin.“

Missionieren ja, aktiv werden eher weniger: Mehr als jeder vierte Jugendliche versucht, seine Eltern und Freunde zu überzeugen, dass Umweltschutz eine gute Sache ist. Dabei sind ältere Jugendliche (vor allem die Studenten) besonders eifrig, so die Ergebnisse der Focus-Studie. Doch nur die wenigsten (4,7 Prozent, Studenten 12,1 Pozent) haben Lust, selbst in einem Verein etwas für den Umweltschutz zu tun. Interessant: Die Jungs sind dazu noch eher bereit als die Mädchen.

„Nur noch kurz die Welt retten“ – der Song von Tim Bendzko bringt das Lebensgefühl umweltbewusster Jugendlicher auf den Punkt, meint Tully: „Unsere Studien haben ergeben, dass vor allem die jüngeren Jugendlichen begeisterte Strom- und Wassersparer sind, den Müll trennen oder viele Wege mit dem Fahrrad zurücklegen. Je älter die Jugendlichen werden, umso stärker achten sie auf nachhaltige Mode oder Lebensmittel. Wichtig ist ihnen aber, dass Umweltschutz nicht zu viel Aufwand bedeutet, sondern auch nebenher passieren kann.“

Eines wird man jedenfalls nicht behaupten können – dass den Jugendlichen ihre Welt egal sei. Vielmehr sind es äußere Faktoren, die es den Jugendlichen schwer machen: die bereits angesprochene Vielfalt an Möglichkeiten, der Leistungsdruck, die Schnelligkeit und permanente kommunikative Erreichbarkeit in ihrem Alltag. Aber auch ganz praktische, strukturelle Faktoren wie der Bildungsgrad oder die soziale Herkunft bestimmen darüber, wie sehr sich ein Jugendlicher verantwortlich einbringen möchte und einbringen kann.

Und nicht zuletzt sind es auch die hohen Erwartungen an diese Generation, die auf den Schultern der Jugendlichen lasten. Für die Fehler der Vorgängergenerationen sollen sie nun rasch viele kreative Lösungen finden. Doch die Jugend reagiert auch hierauf wieder überraschend gelassen. Das positive Denken überwiegt. Gegenüber 2006 habe sich, so die Shell-Studie, der Optimismus der Jugendlichen deutlich erhöht: 59 Prozent blicken ihrer Zukunft zuversichtlich entgegen, 35 Prozent äußern sich unentschieden und nur 6 Prozent sehen ihre Zukunft eher düster.

Der Protest der Jetzt-Generation ist nicht so laut wie der früherer Jugendgenerationen. Das heißt nicht, das er nicht da ist. Er ist subtiler – und wird deshalb gerne unterschätzt. Eine starke neue Umweltbewegung ist dann wohl doch möglich. Die nächste Revolution kommt – aber sie wird eine stille sein.

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3 Kommentare

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  2. Franziska Niehaus · Februar 29, 2012

    Vielen Dank für diesen tollen und inspirierenden Blogeintrag Marcel 🙂 Ich kann mich mit vielen angesprochenen Meinungen und Gefühlen durchaus identifizieren. Ich kenne diese „Ungeduld“ was Veränderungen angeht, da häufig so viele verschiedenen Vorderungen an einen gestellt werden (Schule, Arbeit, Uni, Freunde, Familie etc) dass einem schlicht oft die Zeit fehlt sich voll und ganz nur auf ein Thema zu konzentrieren.
    Ich stimme Marcel B aber zu, ich denke auch dass die Ausdrucksformen von Protest deutlich vielfältiger geworden sind und auf den ersten Blick vielleicht nicht so sichtbar sind. Dennoch bin ich auch überzeugt dass unsere Generation keinesfalls gleichgültig oder stumm dasteht, sondern klar Stellung zu bestimmten Themen in Politik oder Umweltschutz bezieht, und das finde ich klasse 🙂

  3. MarcelB · Februar 27, 2012

    Hey,
    Super Beitrag scheint das gewesen zu sein! Wirklich spannend, ich denke, dass das alles eher historisch bedingt ist. Wir Jugendliche heute, leben in einer Zeit wo wir uns um nichts sorgen müssen. Alle Grundbedürfnisse sind gedeckt, der Standard ist gesichert und politisch ist ist alles stabil. Da bleibt nur der Raum nach oben zur Selbstverwirklichung. Aber, sich selbst verwirklichen heißt für viele auch die eigenen Bedürfnisse zurückzustecken und etwas vom Wohlstand an andere weiterzugeben.
    Von den Leuten die ich aus meiner Geburtskohorte kenne, kann ich sagen das es an sich total vielfältige Typen gibt. Von Leuten die eher spießig leben wollen und anderen die den Reiz des Protestes spüren wollen. So vieles kann sich da garnicht zu „früher“ geändert haben. Schließlich wird viel von den Eltern und der Gesellschaft weitergegeben. Ich finde, soviel hat sich an der Protestkultur garnicht geändert, es sind eher die Rahmenbedingungen um Politik und Gesellschaft die sich verändert haben. Die Proteste haben sich verschoben, auf die Straße zu gehen, ist nicht mehr das einzige Medium um Protest zu zeigen. Vieles kann man heute in Zeiten von Internet und Co. von Zuhause aus machen, wie zB. ganz simpel den Stromanbieter zuwechseln oder Online-Petitionen „unterschreiben.“ Viele drücken ihren Protest auch einfach bei Facebook aus.
    Viel wichtiger finde ich aber die Frage, wo uns das ganze hinführt… Wird es bald keine Pressekonferenzen geben, sondern nur noch Twitterbeiträge? Oder wird die Akzeptanz eines Gesetzesbeschlusses bald an der Höhe der „Gefällt mir“ bei Facebook gemessen. Hochspannende Diskussion, danke Marcel!! 🙂

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