Das Prinzip „KONY 2012“ – Mit Social Media die Welt verändern?

Die virale Kampagne „KONY 2012“ hat die Maßstäbe für Massenmobilisierung im Netz gehörig verschoben. Vor genau einer Woche wurde das halbstündige Video auf YouTube mit dem Ziel hochgeladen, den ugandischen, als Kriegsverbrecher gesuchten LRA-Führer Joseph Kony hinter Gitter zu bringen. Dort haben es in sieben Tagen knapp 75 Millionen Menschen gesehen. Hinzu kommen 16,5 Millionen Aufrufe bei Vimeo. Bei Twitter wurde Kony zum Trending Topic, auf Facebook haben sich über 2,9 Millionen der verantwortlichen Organisation „Invisible Children“ angeschlossen. Der Plan, Kony bis zum 20. April zu weltweiter Bekanntheit zu verhelfen, scheint schon nach wenigen Tagen perfekt aufgegangen zu sein.

Bei all dem Hype sind aber auch kritische Stimmen nicht mehr zu überhören. Auf die Kritik möchte ich hier nicht ausführlich eingehen – zusammengefasst wird Invisible Children vor allem vorgeworfen:

  1. die Probleme in Uganda drastisch zu vereinfachen
  2. eine koloniale Perspektive auf Afrika einzunehmen
  3. die im Rahmen der Aktion eingesammelten Spenden nicht sachgerecht zu verwenden – nur etwa ein Drittel der Gelder komme vor Ort an
  4. mit der Unterstützung der Menschen keine Hilfsleistungen, sondern vielmehr einen militärischen Einsatz zu rechtfertigen, der die Situation für die Bevölkerung noch verschlimmern würde, und:
  5. manipulativ auf die Emotionen der Menschen abzuzielen.

Große deutsche Medien haben kritisch über die Kampagne berichtet, u.a.: Die Zeit, Süddeutsche, FAZ. Ausführlicher sind die Kritikpunkte beim Guardian nachzulesen. Invisible Children nimmt hier Stellung zu den Vorwürfen.

Eine Meta-Botschaft, die der Film neben Kony sendet, möchte ich nun genauer beleuchten: Ist es tatsächlich so, dass das Social Web die politischen Verhältnisse verändern und die Krisen in dieser Welt ausräumen kann? Jason Russell, Initiator der Kampagne, dreht im Film bildlich die Pyramide der Meinungsführung auf den Kopf und behauptet: Ja, mit dem modernen Internet können wir endlich die Welt besser machen!

Ob diese These stimmt, bleibt zunächst Spekulation, nur eines steht bereits fest: Handwerklich betrachtet ist „KONY 2012“ eine perfekte Kampagne – „fast schon beängstigend perfekt“. Das Video zieht idealtypisch (manche würden sagen: mit dem Holzhammer) alle bewährten Register, die uns aufrütteln: das Bild der Erde aus dem All, Szenen einer Geburt, die Personlisierung des Dramas anhand des ugandischen Jungen Jacob, Bilder von jungen und vergnügten Aktivisten vor großen Kulissen.

Die Kampagne verknüpft auf smarte Weise Online mit Offline, arbeitet mit Zahlensymbolik (20 Promis und 12 Politiker im Jahr 2012…), erzeugt ein Wir-Gefühl und definiert ein klares Ziel. Zum Schluss der 30 Minuten kann der Betrachter seine angestaute Betroffenheit direkt in eine Handlung übersetzen. Es gibt eine klare, abgestufte Handlungsanleitung bei geringer Einstiegshürde: Du kannast spenden. Du willst nicht spenden? Ok! Weiterverbreiten kostet dich nichts! „Kony 2012 funktioniert wie eine kleine Gehirnwäsche, nach der man sich aber erfrischt fühlt!“

Der Streit über „KONY 2012“ entfesselte sich schnell an der Frage, ob eine derart offensive Kommunikation manipulativ sei. Oder ob es nicht gar gerechtfertigt sei, zu manipulieren, um etwas Gutes zu bewirken. Bitter resümiert ein Journalist in der Süddeutschen Zeitung: „Kony 2012 mag das Gute wollen, aber die Kampagne gibt doch eine ungute Vorahnung davon, wie leicht und schnell sich mit ihren Mitteln Massenunterstützung auch für noch größere militärische Interventionen organisieren ließe. (…) Ob eine Welt, in der der „Slacktivism“ der Vielen die Politik per Mausklick zu den Waffen drängt (und sei es mit den besten Intentionen), ein besserer Ort ist, ist eine andere Frage.“

Andere entgegnen: Warum, verdammt nochmal, suchen wir immer wieder das Schlechte in allem? „Die Tatsache, dass ein Video es schafft, junge Menschen dazu zu bewegen, über den eigenen Tellerrand zu gucken und sich für etwas einzusetzen was wirklich wichtig ist und vielleicht nur ganz vielleicht etwas ändert, wird hier offensichtlich ignoriert!“ empört sich jemand per Kommentar im ZDF-Blog. Und auch in der Community, die ich moderiere, war „KONY 2012“ natürlich ein Thema, und eine Userin schrieb: „Natürlich sieht man die ‚Schleichwerbung‘ für Facebook, und im Nachhinein erkennt man auch deutlich diese Art von Manipulation, die dort angewendet wird. Ich habe auch die Kritik gelesen und JA, da ist vielleicht was Wahres dran. Nichtsdestotrotz finde ich die Aktion und die Organisation um Kony 2012 eine tolle Sache, allein schon weil jetzt so viele Leute diskutieren!“

Was ist es, das uns darin bremst, die Welt positiv zu verändern? Manipulative Kampagnen, die ihre eigene Glaubwürdigkeit unterhöhlen, oder doch eher unsere typische Nörgelei, Zaghaftigkeit und Skepsis? Oder sind es letztlich doch die Grenzen des Mediums, die wir vielleicht gerade unterschätzen?

Wie groß ist die politische Bedeutung von Social Media tatsächlich? Denn ob soziale Medien wirklich die Welt verändern können, ist noch nicht garantiert. Wie unterschiedlich das Potenzial des Internets gesehen wird, zeigt etwa die Debatte zwischen dem Medienwissenschaftler Clay Shirky und dem Autor Malcolm Gladwell, die jetzt.de-Redakteur Dirk von Gehlen zusammengefasst hat.

Während Shirky in seinem Buch „Here comes everybody“ beschreibt, wie Menschen sich mittlerweile organisieren, ohne dafür klassische Organisationen nutzen zu müssen, behauptet Gladwell das glatte Gegenteil, nämlich dass politische Bewegungen unbedingt klassische Organisationsstrukturen brauchen. Die flachen Hierarchien der vernetzten Aktiven seien für eine echte soziale Bewegung eher hinderlich. Deshalb könne man in Bezug auf Twitter und Facebook gar nicht von echtem Engagement sprechen.

Beispiel Demokratiebewegung im Iran: Nach Shirky hat die politische Kraft der Social Media die Demonstrationen im Sommer 2009 erst möglich gemacht. Gladwell bezweifelt hingegen, dass Twitter die politische Lage in diesem Land nachhaltig verändert hat. Wieso hätten die Menschen in Teheran ihren Protest auf Englisch unter dem Schlagwort „iranelection“ organisieren sollen und nicht in ihrer Landessprache Farsi? Die Geschichte vom iranischen Protest sei eher ein westlicher Medienhype.

Das bestätigte auch der Iraner Hamid Tehrani vom Blog-Netzwerk “Global Voices” gegenüber dem britischen Guardian. Während der Proteste gegen Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad hätte es weniger als 1.000 aktive Twitter-Nutzer im ganzen Iran gegeben, und nur ein Bruchteil hätte den Kurznachrichten-Dienst im Sinne der Proteste wahrgenommen. Tehrani bilanziert: „Der Westen war nicht auf das iranische Volk, sondern auf die Rolle westlicher Technologie fokussiert.“

Für echten Protest, so argumentiert Gladwell, seien die Bindungen der sozialen Netze einfach zu schwach. Vielmehr seien echte Freundschaften und belastbare Bindungen eine Grundvoraussetzung für Veränderung. In der ehemaligen DDR etwa hätten 1989 gerade mal 13 Prozent der Bürger überhaupt ein Telefon gehabt. Trotzdem – oder gerade deswegen – sei es ihnen gelungen, ein System zu stürzen. Ohne Likes, ohne Tweets, ohne Badges in irgendwelchen Profilbildern. Klingt zunächst plausibel – dumm ist nur, dass wir nie erfahren werden, was aus der DDR geworden wäre, wenn es schon in den 80er Jahren ein soziales Innternet gegeben hätte…

Zumindest seien sich Shirky und Gladwell darin einig, dass das Internet die Gesellschaft grundlegend verändert, fasst Gehlen zusammen. Gladwell lobe sogar ausdrücklich die fabelhafte Effizienz, mit der das soziale Netz uns neue Ideen und Informationen möglich macht. Facebook und Twitter haben aus Konsumenten Prosumenten gemacht – die Frage ist nur, wie produktiv ihr Handeln tatsächlich ist.

Die revolutionäre Kraft der Social Media liegt für viele Netzaktivisten vor allem in ihrer Niedrigschwelligkeit. Bequem vom Sofa aus die Welt retten. „Slacktivism“ – der Begriff ist weiter oben bereits aufgetaucht – ist die neue Hoffnung vieler Interessensgruppen und NGOs.

Slacktivism: Die Zusammensetzung aus „slacker“ (engl. für rumhängen, nichts tun, lustlos sein) und „activism“ bezeichnet Menschen, die eigentlich zu faul sind, den Arsch hoch zu kriegen, aber andererseits doch aktiv sind. Allerdings nur bei solchen Aktionen, die wenig Anstrengung erfordern. Beispiel: einer Facebook-Gruppe beitreten, Armbändchen oder Buttons mit (politischen) Botschaften tragen oder an „niedrigschwelligen“ Demonstrationen teilnehmen, die nicht viel Aktionismus verlangen (Buy Nothing Day oder World Earth Hour). (Definition nach Duden-Szenesprachenwiki) Slacktivism wird auch als Klicktivism bezeichnet, Slacktivisten als Couch Potatoe Aktivisten oder Armchair Rebels.

Endlich können auch diejenigen aktiviert werden, die sich bisher für Demos im Regenwetter oder abendliche Treffen in lokalen Gruppen nicht begeistern ließen. Was aber ist wirklich gewonnen, wenn auf Facebook 114.000 „gegen Atomkraft“ sind? Letztlich musste doch erst eine Katastrophe wie Fukushima passieren, um die Energiewende endlich zu beschleunigen.

Moment! Schon wieder die skeptische Brille! Man könnte doch auch sagen: Trotzdem ist die Möglichkeit, sich per Klick öffentlich für oder gegen bestimmte Projekte positionieren zu können, ein Gewinn. Nichts ist so effektiv für die Weiterverbreitung eines Aufrufs wie die Mund-zu-Mund-Propaganda über Menschen, die mir vertraut sind. Und das geht dank der sozialen Medien umso schneller! Auch das „Weitersagen“ ist ein wichtiger Bestandteil des Aktivismus, nicht nur die Spende oder der Protest. Und wer eben nicht spenden oder protestieren kann, ist nun nicht mehr zur Inaktivität verdammt, sondern kann sich als Multiplikator einschalten.

Dagegen ließe sich nun wiederum einwenden, dass dieses Tempo den Meinungsbildungsprozess auch regelrecht überrollen kann. Gerade gegenüber „KONY 2012“ äußern Kritiker die Befürchtung, dass die Hyper-Verbreitung des Videos gar keinen Raum mehr lässt für kritische Reflektion. 30 Minuten pure Emotion… 75 Millionen Menschen können nicht irren… ich bin überwältigt, und wen ich dazugehören will, dann sollte ich mich schnell anschließen!

Außerdem zeige sich allzu oft, dass Slacktivism in der Offline-Welt kaum Output bringt. Ein aktuelles Beispiel aus Österreich: „Mehr als 245.000 Nutzer sagten der österreichischen Facebook-Gruppe ‚Tankfreier Tag‘ die Gefolgschaft zu, laut OMV waren aber ‚keine Auswirkungen‘, abgesehen von tagesüblichen Schwankungen, zu bemerken. Der ‚Tankfreie Tag 2‘ am darauf folgenden Samstag interessierte übrigens nur mehr knapp 1.400 Personen.“ Und noch ein trauriges Beispiel führt futurezone.at an: „Die Spendenfreude für Japan hat ebenfalls ihre Grenzen: Die Spenden-App ‚Causes‘, gegründet von Ex-Facebook-Präsident Sean Parker, zählt pro Monat mehr als 20 Millionen aktive Facebook-Nutzer. Bis dato haben lediglich knapp 3.400 Nutzer insgesamt 160.000 Dollar gespendet.“

Der Druck auf den Like-Button scheint sich eher selten in einen Druck auf der Straße zu verwandeln. Viele Leute, die zu einer Demonstration gegangen wären, belassen es heute bei einem Anklicken des ‚Gefällt mir‘-Buttons. Der „Like“ ist für viele mehr Pose als Protest. „Der primäre Grund ist wohl, Freunden und Familie seine Präferenzen zu signalisieren und nicht, politische Ergebnisse im echten Leben zu erzielen“, schreibt der finnische Internet-Forscher Henrik Serup Christensen in seinem Paper “Slacktivism or political participation by other means?” über Facebook-Proteste.

Sollten wir das Aktivierungspotenzial von Social Media überschätzen? Selbst wenn – das heißt keineswegs, dass dieses Potenzial nicht noch steigen kann! Vielleicht sind wir noch nicht weit genug dafür. Vielleicht sind wir noch viel zu tief drin in der digitalen Lernphase. Ich persönlich würde mir viel mehr Kampagnen wünschen wie „KONY 2012“ – genauer gesagt: eine größere Vielfalt solcher Kampagnen, gepaart mit einer Öffentlichkeit, die sowohl kritischer als auch handlungsbereiter solche Impulse aufnimmt. Es ist eine Frage der Medienkompetenz, was die Menschen aus diesen Chancen machen. Letztlich kommen wir wieder zum Prosumenten zurück. Insofern ist die Botschaft um „KONY 2012“ völlig richtig: Nicht die da oben müssen zwangsläufig bestimmen, wofür wir uns engagieren – wir können es bestimmen!

In der Kritikwelle um „KONY 2012“ meldete sich übrigens auch der afrikanische Junge Jacob, den die Filmemacher ins Zentrum ihrer Geschichte rückten, zu Wort. In seiner Heimatregion rund um die Stadt Gulu sei es mittlerweile friedlich, sagte er dem Guardian. „Die Organisation hat wirklich hart gekämpft, um meine Schule wieder aufzubauen“. Doch das Leiden ist damit nicht beendet – es geht an anderer Stelle weiter.

Ein Kommentar

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