Pragmatisch engagiert – ein Widerspruch?

Hohe Erwartungen, unsichere Jobchancen – das übt Druck aus auf die heutige Jugendgeneration. Doch Jugendliche in Deutschland reagieren auf diesen Leistungsdruck anders als vielleicht erwartet – nämlich nicht mehr mit Protest, sondern mit Pragmatismus. Sozial benachteiligte, leistungsschwächere Jugendliche werden von anderen Jugendlichen immer weniger akzeptiert – doch gerade diese Gruppe der „Prekären“ wächst. Das sind zentrale Ergebnisse einer neuen Sinus-Jugendstudie, die unter anderem von der Bundeszentrale für politische Bildung in Auftrag gegeben und im April 2012 vorgestellt wurde.

Die aus meiner Sicht entscheidende Beobachtung ist, wie eklatant das Prinzip Leistungsgesellschaft inzwischen bei Jugendlichen ankommt. Einerseits versuchen viele Jugendlichen, auf den Leistungsdruck mit Machbarkeitsoptimismus und Fleißversprechen zu antworten. Sie verhalten sich wie „Mini-Erwachsene“, die immer früher damit beginnen (müssen), ihre Karriere aktiv zu gestalten. Andererseits beobachten die Forscher das sogenannte „Regrounding“ – traditionelle Werte wie Sicherheit und Pflichtbewusstsein werden wieder in, Freunde und Familie gewinnen an Bedeutung.

Der Druck scheint außerdem dazu zu führen, dass Jugendliche sich sozial deutlicher voneiander abgrenzen. Die Autoren der Studie äußern sich besorgt über die zunehmende „Entsolidarisierung“. Viele Jugendliche haben sich demnach abfällig über Hartz-IV-Empfänger und ausländische Jugendliche geäußert, wenn auch zum Teil verklausuliert, etwa mit Formeln wie „Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass…“.

Freiwilliges Engagement neben G8 und Praktikum, Bachelor und Master? Wer mit Jugendlichen arbeiten, sie vielleicht sogar für etwas begeistern will, der muss sich also auf eine schwierige Aufgabe einstellen. Wie will man guten Gewissens Jugendlichen noch mehr „Arbeit“ aufhalsen? Jugendliche sind heute nicht nur aufgesplittet in viele, teils vollkommen unterschiedliche Milieus, sondern auch immer schwerer zu aktivieren – wobei dieser Rückschluss schon nicht mehr stimmen muss, wenn man für neue Wege bereit ist.

Wertvolle Anregungen liefert hierbei der Vertiefungsbericht der aktuellen Umweltbewusstseinsstudie: „Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Erwachsener“ (2011). Auch diese Studie hat das Sinus-Institut durchgeführt. Während sich die Sinus-Jugend-Studie von 2012 auf die 14- bis 17-Jährigen konzentriert, haben sich die Forscher im Vertiefungsbericht zur Umwelteinstellung den 18- bis 29-Jährigen gewidmet. Und auch bei den älteren Jugendlichen lassen sich ähnliche Hürden ausmachen: die vielen Probleme der Alltagswelt, die berufliche Belastung und soziale Verschärfungen sorgen dafür, dass sich junge Erwachsene nicht mehr so für den Naturschutz einsetzen können, wie das in früheren Generationen der Fall war. Das Bild ist sehr heterogen: Unter den jungen Erwachsenen findet man überdurchschnittlich häufig sowohl Vorreiter als auch Nachzügler in Sachen Umweltschutz. Für beide muss sich der Naturschutz öffnen.

Wer Jugendliche heute erreichen will, sollte also unbedingt die Lebenswelt dieser Zielgruppe kennen. Die Bedürfnisse der Jugendlichen müssen im Vordergrund stehen. Naturschutzkommunikation sollte sich in die Weltsicht sowohl pragmatischer als auch bildungsferner Jugendlicher hineinversetzen.

Hier einige Anknüpfungspunkte, die die Autoren der beiden Sinus-Studien vorstellen:

  • Nutzenerwägung berücksichtigen: Ein Ansatz besteht gerade darin, den vermeintlichen Gegensatz zwischen freiwilligem Engagement und notwendiger Arbeitswelt aufzulösen, indem man beides zusammenbringt. Wenn Naturschutzprojekte den Jugendlichen helfen, auch beruflich voran zu kommen, sich zu qualifizieren oder an Prestige zu gewinnen, dann wird Naturschutz für Jugendliche plötzlich zu einem attraktiven Weg Betätigungsfeld. Verantwortungsvolle Aufgaben, Seminare oder Mentorenprogramme sind Beispiele, die in den Engagementkontext eingebunden werden sollten.
  • Entideologisiertes Engagement: Da Jugendliche heute flexibel zwischen verschiedenen Identitäten und Interessen wechseln wollen, kommen Angebote schlecht an, die einem eine Identität „aufprägen“. Insbesondere die Normen der klassischen Umweltbewegung mit ihren eindeutigen Feindbildern sind nicht mehr zeitgemäß. Jugendliche suchen neue, unkonventionelle und flexible Wege des Engagements und bewussten Konsums abseits des Öko-Lifestyles. Positive Visionen motivieren stärker als feste Feindbilder. (Die besondere Herausforderungen bei diesem Punkt sehe ich darin, nicht in eine Beliebigkeit bei der Wertekommunikation zu rutschen – im Mittelpunkt muss weiterhin die gute Sache stehen, um nachhaltiges und empathisches Engagement zu fördern.)
  • Entgrenzte, aber zeitlich begrenzte Projekte: Es passt nicht mehr in die Lebenwelt von Jugendlichen, sich dauerhaft in einer (lokalen) Gruppe zu engagieren. Verbandsstrukturen gelten als ineffizient, langfristige Verpflichtungen sind schlecht vereinbar mit den restlichen To Do‘s. Zeitlich begrenzte, erlebnis-, ziel- und lösungsorientierte Projekte sind für pragmatische Jugendliche weitaus interessanter. Dabei sollte das Thema, und nicht die damit verbundene Organisation im Mittelpunkt stehen.
  • Soziale Medien: Dieser Punkt dürfte klar sein – das Internet ist fester Bestandteil der Lebenswelt von Jugendlichen. Deshalb sollten Umweltangebote unbedingt auch im Web angesiedelt sein. Vor allem Soziale Medien bieten die Möglichkeit, Aktionen oder Projekte auch über regionale Grenzen hinweg zu koordinieren und effizient zu kommunizieren. Die WWF Jugend Community ist hierfür ein passendes Beispiel, und die steigende Anzahl ihrer Aktionen zeigt, dass Online durchaus im Offline Wirkung zeigt.

Der Naturschutz muss also neu auf Jugendliche zugehen. Dabei sollte man ruhig zuversichtlich bleiben, denn diese beiden Ergebnisse aus den Sinus-Studien machen Mut:

  • Jugendliche sind laut Sinus-Jugend-Studie nicht politikverdrossen. Sie interessieren sich zwar kaum für institutionalisierte Politik, Parteien oder Verbände. Fasst man den Politikbegriff aber weiter, sind die Jugendlichen sehr wohl politisch. Gerade bei Problemen, die unmittelbar ihr Umfeld und ihre Lebenswelt betreffen, sind sie bereit, sich zu engagieren – und hier lassen sich ganz sicher Verbindungen zu Umweltthemen schaffen!
  • Das ehrenamtliche Engagement im Umwelt- und Naturschutz ist bei jungen Erwachsenen laut Umweltbewusstseinsstudie deutlich gesteigen: von 3 Prozent in 2008 auf 12 Prozent. Noch beeindruckender stellt sich das Potenzial dar: Ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen kann sich vorstellen, sich für den Umwelt- und Naturschutz zu engagieren! Klingt doch nicht schlecht, oder?

Die Sinus-Jugend-Studie ist im Buchhandel erhältlich. Im Herbst kommt die Studie als Band in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb heraus. Der Vertiefungsbericht zur Umweltbewusstseinsstudie kann hier heruntergeladen werden.

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2 Kommentare

  1. peet89 · April 17, 2012

    Interessant finde ich, dass es bei mir selber zu sehen ist. Irgendwo sind immer Grenzen..:/ Schöner Bericht, Marcel 🙂

  2. Doro · April 16, 2012

    schön, die eigenen Erfahrungen mal wissenschaftlich bestätigt zu sehen… ich erkenne meine MitschülerInnen wieder. und teilweise auch mich selbst. Toller Artikel! 🙂

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