Naturbewusstsein und Engagement

Das Bundesumweltministerium und das Bundesamt für Naturschutz haben eine neue Bevölkerungsumfrage zum Naturbewusstsein in Deutschland durchgeführt. Aus der Studie „Naturbewusstsein 2011“ lassen sich wichtige Erkenntnisse für den Naturschutz ziehen – unter anderem vor dem Hintergrund der Frage, wie wir Menschen für ökologisches Handeln aktivieren können. Die Forscher hatten 2.031 Personen ab 18 Jahren befragt, aus allen soziodemographischen Segmenten und allen Regionen Deutschlands.

Glück und Gerechtigkeit – das sind die zwei Faktoren, die eine besonders wichtige Rolle spielen, wenn sich Menschen für den Schutz der Natur engagieren, fasst Beate Jessel, Präsidentin des BfN, die Ergebnisse zusammen. „Schutz der Natur bedeutet daher, jenseits aller ökologischen und ökonomischen ‚Grabenkämpfe‘, einen Teil unseres persönlichen Lebensglückes und eines guten Lebens zu erhalten und dies auch zukünftigen Generationen zu ermöglichen.“ Da ist er wieder, der Appell, der die Diskussion im Naturschutz schon einige Jahre bestimmt: Umwelt- und Naturschutz sollten nicht als notweniges Übel, sondern als Weg in eine lebenswertere Zukunft gesehen und kommuniziert werden. Denn mit dieser Sichtweise ließen sich mehr Menschen dafür begeistern, etwas in ihrem Leben zu verändern.

Die Natur ist uns lieb und teuer, wie die Studie zeigt. Dennoch handeln viele Menschen nicht entsprechend, und das liegt daran, dass Naturschützer immer noch ein unvorteilhaftes Image haben und sich der Einsatz für eine gute Sache meist sperrig in den Alltag einbauen lässt. Die am häufigsten genannten Gründe der Befragten, im Naturschutz nicht aktiv zu werden, sind: keine Zeit, keine Lust auf Langzeitverpflichtungen, und: das Gefühl, nicht zu den aktiven Naturschützern zu passen. Mehr positive Ansätze, mehr konkrete Beteiligungsangebote, mehr Lebensgefühl – das sind Anforderungen, die der Naturschutz unbedingt erfüllen sollte. Es würde sich lohnen, denn laut der Studie ist das Potenzial für mehr Engagement recht hoch. Vor allem diesen Aspekt der Studie möchte ich in diesem Beitrag zusammenfassen.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick: Der Naturschutz wird von einer großen Mehrheit der Befragten (86 Prozent) als wichtige politische Aufgabe bewertet – 95 Prozent sehen darin gar eine menschliche Pflicht. Deutlich weniger Befragte (43 Prozent) als 2009 (55 Prozent) sind der Meinung, dass in Deutschland genug getan wird, um die Natur zu schützen. Ein knappes Drittel wiederum vertritt die Meinung, dass die Natur der wirtschaftlichen Entwicklung nicht im Weg stehen darf.

Die Mehrheit (62 Prozent) fühlt sich persönlich für den Schutz der Natur verantwortlich und ist bereit, eigene Beiträge zu leisten, sei es im Konsumverhalten oder durch freiwilliges Engagement. Die Menschen haben ein großes Interesse daran, mehr über die Natur- und Umweltverträglichkeit von Konsumgütern zu erfahren. Einen aktiven Einsatz für den Schutz der Natur, vor allem durch praktische Tätigkeiten, kann sich rund die Hälfte der Bevölkerung vorstellen (darin eingerechnet ist das knappe Fünftel derer, die sich als bereits aktiv bezeichnen). Wie so oft hängt vieles von der sozialen Stellung ab: Die Bereitschaft, das alltägliche Handeln zumindest teilweise naturverträglich auszurichten, wächst mit Bildung und Einkommen. Finanziell gut gestellte Personen haben allerdings aufgrund ihres höheren Konsumniveaus oft insgesamt eine schlechtere Natur- und Umweltbilanz – ein Dilemma, aber zumindest sind diese Gruppen ,verständnisbereit‘.

Mehr Menschen als in 2009 können etwas mit dem Begriff „Biologische Vielfalt“ anfangen. Dennoch ist das in der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt formulierte Ziel, dass bis zum Jahr 2015 mindestens 75 Prozent der Bürgerinnen und Bürger die Bedeutung der Biologischen Vielfalt bewusst ist und sie ihr Handeln zunehmend daran ausrichten, noch lange nicht erreicht. Etwas verzweifelt klingt die anschließende Analyse, Naturschutz und Biologische Vielfalt seien einfach noch keine großen Themen und müssten stärker in den „Transformationsdiskurs“ hineingetragen werden. Es bedürfe „weiterhin noch sehr großer Anstrengungen in den Bereichen Bildung und Kommunikation“.

Interessant ist, dass sich viele durchaus ein Engagement für die Natur vorstellen können, sowohl handwerklich-praktisch in der unmittelbaren natürlichen Umgebung, aber auch im inhaltlichen Bereich. Rund 60 Prozent der Befragten zeigen Interesse daran, an einem befristeten Projekt oder in einer lokalen Bürgerinitiative zum Schutz der Natur mitzuarbeiten. Für fast ebenso viele ist es attraktiv, Naturerlebnisaktionen für Kinder und Jugendliche durchzuführen oder das Vorkommen von Tier- und Pflanzenarten zu erfassen. Das geringste Interesse besteht an der Durchführung von Informationsständen, aber selbst dies wird von rund 40 Prozent nicht ausgeschlossen! Auch ich bin immer wieder erstaunt, dass zum Beispiel in der WWF Jugend Aktive immer wieder darauf zurückkommen, Infostände zu organisieren. Ich hätte eigentlich vermutet, dass diese Form des Engagement bei Jugendlichen als anstrengend, frustrierend und altbacken empfunden wird.

Es gibt also noch Potenzial für mehr Engagement, und daran schließt sich die spannende Frage an, wie das vorhandene Naturschutzinteresse stärker in konkrete Handlungen überführt werden kann. Die Studie empfiehlt einerseits, zielgruppenspezifisch zu vermitteln, was zum Beispiel im eigenen Garten oder im Wohnumfeld für den Natur- und Artenschutz getan werden kann. Zum anderen sollten im verbandlichen Naturschutz neue Formen der Mitarbeit weiter entwickelt werden, die auch Personen mit wenig Zeit und geringer Bereitschaft zu langfristigem Engagement ansprechen.

Schaut man sich an, wie die bereits Aktiven über ihre Hilfe denken, lernt man viel darüber, wie man Engagementbereite ansprechen kann. Denn mit dem Engagement zum Schutz der Natur sind vielfältige Motive und Erwartungen verbunden. Für die meisten der bereits aktiven Befragten steht an erster Stelle, der Natur zu helfen – also ein inhaltliches Motiv. Die Tätigkeit soll aber außerdem Spaß machen, ein Vorbild für Kinder sein, sowie das Gefühl geben, etwas Wichtiges zu leisten und mit der Tätigkeit etwas für das Gemeinwohl zu tun. Jüngere Befragte nennen überdurchschnittlich häufig die Chance auf Anerkennung und berufliche Weiterentwicklung als Beweggrund. 67 Prozent der unter 29-Jährigen wünschen sich Anerkennung für ihr Engagement (gesamt: 47 Prozent) und 47 Prozent erwarten, dass sie beruflich davon profitieren können (gesamt: 38 Prozent). Diese Ergebnisse zeigen: Wer Naturschutz ’nur‘ über die Sache an sich vermittelt, verpasst die Chance, größere Gruppen der Bevölkerung zu mobilisieren. Um also zum Beispiel junge Menschen zu aktivieren, sollten Hilfsangebote stärker mit Fortbildungsmöglichkeiten und Zusatzqualifikationen gekoppelt werden.

Durch seine Konzentration auf das Inhaltliche adressiert der Naturschutz vor allem diejenigen, die das Thema ohnehin mehr oder weniger interessiert. Um aber auch sozial benachteiligte und naturfernere gesellschaftliche Gruppen für Naturschutzthemen zu gewinnen, müssen Naturschützer stärker den praktischen und ideellen Wert (‚gutes Leben‘) von Natur in den Mittelpunkt rücken. Mit zielgruppenspezifischen, niedrigschwelligen Angeboten im nahen Lebensumfeld muss der Naturschutz den Menschen klar machen: Vom Naturschutz profitiert auch ihr ganz deutlich, Naturschutz ist für euer Leben ein großer Pluspunkt! Der Vorschlag der Studie: „Lebensqualität für alle“, kann hierfür ein erfolgreiches Aktivierungsmuster sein.

Die Studie betont dabei die Bedeutung von Freizeit- und Erlebnisangeboten: „Einfache Zugänge zur Natur, beispielsweise durch Parkanlagen im Siedlungsbereich, sind insbesondere für Kinder wichtig, denen entsprechende Erlebnisse außerhalb eines städtischen Umfeldes sonst nicht möglich wären.“ Auf diese Weise käme der Natur in den Städten eine neue Bedeutung zu – und damit vielleicht auch wieder eine größere Würdigung, denn noch nie ging es dem Stadtgrün so schlecht wie jetzt.

Die Studie zum Naturbewusstsein zeigt erneut, dass der Naturschutz noch längst nicht die gesellschaftliche Bedeutung hat, die er haben könnte. Ja, der Naturschutz hat sich weiterentwickelt – u.a. spricht Karl-Werner Brand bereits vor 15 Jahren von der Professionalisierung des Naturschutzes (Brand et al. 1997: „Ökologische Kommunikation in Deutschland“). Trotzdem gelingt es dem Naturschutz nach wie vor nicht, aus seinem ‚Akzeptanzdilemma‘ zu entkommen (einschlägige Texte zu diesem Problem wurden in der Umweltsoziologie u.a. von Cornelia R. Karger, Fritz Reusswig und Kai Schuster veröffentlicht). Vereinfacht ausgedrückt: Jeder findet Naturschutz wichtig, aber kaum jemand mag mitmachen. Die Gründe hierfür sind je nach sozialem Milieu unterschiedlich, und nicht einmal bei den bereits Aktiven liegen eindeutige Motive vor. Vielmehr haben sich Naturbilder, Umwelteinstellungen und Umweltverhalten pluralisiert. Jeder, der mitmacht, trägt ein individuelles Stückchen bei. Der Naturschutz muss also noch stärker als bisher lebensstilbezogen und individuell auf die gesellschaftlichen Gruppen zugehen. Vor allem muss er dabei die unterschiedlichen Anknüpfungspunkte einsetzen, die über den Naturkontext hinaus interessant für die Menschen sind, darf dabei aber nicht die zentralen Werte aus dem Auge verlieren.

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4 Kommentare

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  3. Franziska Niehaus · Oktober 14, 2012

    Wiedermal ein toller und spannender Bericht, der einem viel Inspiration gibt und neue Ideen auch Freunde und Verwandte zum Naturschutz zu bewegen! Danke 🙂
    Franzi

  4. Claudia Marloh · September 18, 2012

    Lieber Marcel,
    danke Dir für den Hinweis auf die Studie „Naturbewußtsein 2011“ und Deine interessanten Ausführungen dazu. Sie helfen mir bei meiner Arbeit sei und geben gute Argumente für unser Fundraising.
    Herzliche Grüße aus Hamburg
    Claudia (Marloh)
    Bereich Major Donor des WWF-D

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