„Zeigen, dass wir nicht zugucken müssen“

WWF gegen die Wildtiermafia

Der WWF Deutschland kämpft in seiner aktuellen Kampagne gegen das verschärfte Problem der Wilderei. In den Savannen und Wäldern Afrikas werden zehntausende Elefanten wegen ihrer Stoßzähne abgeschlachtet. In manchen Regionen sind sie schon ganz verschwunden. Die Ursache für die Wilderei an Elefanten in Afrika ist die Nachfrage nach Elfenbeinschnitzereien und -schmuck in Asien.

Ein akutes Artenschutzproblem, aber auch ein Thema, das für die Menschen in Deutschland weit weg ist. Ich sprach mit Astrid Korolczuk vom WWF über die Herausforderungen ihrer Kampagne, über ihre Rolle als Campaignerin in der Öffentlichkeitsarbeit und über die Möglichkeiten, Menschen für derartige Themen zu mobilisieren.


Astrid, das Geschäft mit Elfenbein und anderen Tierprodukten grassiert wie nie zuvor. Afrika wird von einer Wildereikrise überrollt, die Wilderer sind top ausgerüstet und die Mittelsmänner bestens vernetzt. Hat eine NGO überhaupt eine Chance, so ein internationales, mafiöses Netzwerk zu stoppen?

Nicht alleine. Nein. Ich glaube, es wäre auch ein bisschen utopisch zu denken, dass eine NGO gegen ein international verwebtes Geflecht von Verbrecherbanden vorgehen kann – und selbst wenn wir alle Verbrecher aufspüren und fangen würden – es liegt in den Händen der Staaten, dass diese Verbrecher verurteilt werden und eine angemessene Strafe erhalten. Ich glaube aber schon, dass wir eine sehr wichtige Rolle spielen. In den letzten sechs Monaten ist es uns gelungen, in den Zentralafrikanischen Staaten, Südafrika, bei der UN, bei Organisationen wie Interpol und auch in wichtigen „Champion“ Staaten, wie den USA und Deutschland, das Thema Wildlife Crime als ernstes, schweres Verbrechen zu positionieren, das sich über Länder und Kontinente erstreckt und zum Teil bewaffnete Konflikte finanziert.

In Thailand konnten wir der Premierministerin unsere Petition für ein Verbot von Elfenbeinhandel in Thailand überreichen. Auf der CITES hat sie dann erklärt, dass sie eine Gesetzesreform für ein genau solches Gesetz in die Wege leiten will. Und auch in Vietnam und China haben wir Kampagnenteams, die fieberhaft daran arbeiten das Thema auf die Agenda von Politik und Öffentlichkeit zu bringen. Was mich zum Beispiel besonders beeindruckt hat war, dass auf der Artenschutzkonferenz in Bangkok aus ganz vielen unterschiedlichen Ecken zu hören war, dass wir diese Wildereikrise und die Wildtiermafia nur bezwingen können, wenn wir gemeinsam handeln. Und wenn es tatsächlich gelänge, dass in Afrika und Asien Umweltministerien, Zoll, Auswärtige Ämter und Wirtschaftsministerien, Interpol und die UN and einem Strang ziehen und Länder wie Deutschland, UK, die Niederlande oder die USA dabei helfen können – dann haben wir in unserer Rolle viel geschafft.

Bist du eigentlich Krimifan?

Ja. Ein sehr großer sogar – und es ist mir egal, ob als Buch, Film oder Fernsehserie. Aber ich muss mich auch gleich outen: Den Tatort mag ich nicht.

Ich frage deshalb, weil vieles in deiner aktuellen Kampagne an einen Krimi erinnert – da ist von „Verbrechern“, „Ermittlern“ und einer „Mafia“ die Rede, und es gibt einen „Tatort“, der allerdings in Afrika liegt. Du hattest dich dafür entschieden, die komplette Kampagne wie einen Krimi zu inszenieren – sprachlich, visuell, dramaturgisch. Wieso hast du dieses Bild gewählt? Und wird eine solche Kommunikationsstrategie diesem düsteren Thema überhaupt gerecht?

Ich denke, dass es unsere Aufgabe ist, in den Kampagnen möglichst klar aufzuzeigen, wo das Problem ist, warum eine Situation gerade jetzt so brennt und was wir dagegen tun können. Dabei hilft es, wenn man die Menschen möglichst da abholt, wo sie sind. Ich versuche also immer einen Anknüpfungspunkt an den Alltag unserer Unterstützer zu finden, aber auch von Menschen, die vielleicht noch nie etwas mit uns zu tun hatten. Was diesen Krimi angeht: Ich weiß noch, wie ich, als ich mich das erste Mal in das Thema eingelesen und so nach und nach die Verstrickungen erfasst habe, dachte: Das ist ein wirklicher Krimi. Nur dass er im echten Leben stattfindet. Genau diese Dramatik muss bei den Menschen ankommen.

Ich habe dann Karten genommen und versucht die Täter, Opfer, Motive, Helden dieses Krimis zu identifizieren. Das ging ganz schnell. Da war dann die Idee geboren, dieses sehr komplexe Thema anhand der Krimisprache zu erzählen. Ich denke nicht, dass das Thema Wilderei weniger ernst wird, weil wir hier Krimi Vokabeln genutzt haben – sie helfen einfach nur, sich leichter in die Thematik reinzudenken.

Im Kampagnenvideo erlebt man dich sehr persönlich – eine bewusste Entscheidung. Wir würdest du die Rolle einer Campaignerin oder eines Campaigners gegenüber der Öffentlichkeit beschreiben?

Wir sind Trommler, Scharniere, Schnittstellen und Wegbereiter. Der Campaigner kommt immer dann ins Spiel, wenn ein Thema besonders akut ist, wichtige Entscheidungen anstehen, oder es einfach mehr Unterstützung braucht. Wir erarbeiten dann mit den deutschen und internationalen Kollegen aus dem Naturschutz, Politik, Marketing und Unternehmenskooperationen, was wir für dieses Thema erreichen möchten, welche Meilensteine wir brauchen und wie wir diese erreichen können – letzten Endes geht es darum zu sehen, wie wir mit geballten Kräften das bestmögliche für ein Thema erreichen können, neue Ansätze zu probieren und unsere Bemühungen miteinander zu verzahnen. Und wenn alles gut läuft, dann gelingt es uns z.B., dass sich Länder gemeinsam gegen die Wildtiermafia stellen.

Wie beurteilst du die Rolle von Videos in Kampagnen? Warum war dieser Film für deine Kampagne wichtig?

Die Videos bringen unsere Botschaft auf den Punkt. Sie sind direkt und kommen ohne Adjektive und Umschreibungen aus. Hier müssen wir nicht lange erklären, warum das Problem mit der Wilderei und dem illegalen Handel mit Tierarten so schlimm ist, wer wissenschaftlich welche Meinung vertritt und warum wir jetzt unbedingt handeln müssen. Die Bilder aus der Region, Musik, Schnitt, Interviews machen ganz klar: Da passiert gerade etwas wirklich erschreckendes von bisher noch nie dagewesenem Ausmaß. Wenn wir jetzt nicht handeln, dann ist es zu spät.

Genau für diese Botschaft war dieses Video so wichtig für uns: Wir wollten, dass auch die Menschen in Deutschland nicht nur verstehen, was „da draußen“ passiert, sondern dass wir nicht zugucken müssen, dass wir aktiv werden können.

Die Wildereikampagne hat auch in einer für den WWF erst recht neuen Intensität junge ehrenamtliche Helfer eingebunden. Du hast die Mitglieder der WWF Jugend stark bei den Aktionen integriert. Wie waren deine Erfahrungen mit dieser Zielgruppe? Was musstest du für deine Kampagne dabei berücksichtigen?

Die Jugend ist super. Das macht alles andere leichter. Wir haben mit der WWF Jugend gemeinsam Unterschriften gesammelt . Dabei gab es zwei „große“ Aktionen an den Flughäfen in Hamburg und Frankfurt und zusätzlich konnten alle Jugendlichen auch bei sich in der Umgebung Unterschriften sammeln und sie an uns schicken. Da wir mit ehrenamtlichen Helfern unterwegs sind, ist es wichtig Aktionen nicht erst kurzfristig bekannt zu geben, denn manchmal bedarf es dann doch noch zusätzlicher Organisation. Findet die Aktion unter der Woche statt? Brauchen wir dann noch Bestätigungen für Schulen und Arbeitgeber? Wie sieht es mit der Anreise und Unterkunft aus? Wer kann wann und wie lange? Worum geht es am Tag selbst? Was sagen die Jugendmitglieder, wenn sie auf die Aktion angesprochen werden? Ganz wichtig war, dass ich die Ehrenamtlichen immer möglichst genau informiert habe und als die Teams dann feststanden, eine gemeinsame Telefonkonferenz mit allen gemacht haben. Da konnten dann alle Fragen geklärt werden und die Teams haben sich schon einmal gehört. Und für alle, die sich nicht an den „großen“ Aktionen beteiligen können, sollte man Möglichkeiten finden, wie sie sich dann von zu Hause aus engagieren können.

Du warst persönlich bei der Cites-Konferenz in Thailand, bei der wesentliche Ziele der Kampagne zur Debatte standen. Die Unterschriftenaktion hat offensichtlich gewirkt – Thailand will den Elfenbeinhandel konsequenter verbieten. In deinem Blog konnte man das Geschehen verfolgen. Kannst du uns kurz schildern, wie du diese Tage erlebt hast, und warum es dir wichtig war, ein Blog zu schreiben?

Die Tage waren wir ein kleiner Hurrikane – die ersten Teammeetings fanden bereits morgens um sieben Uhr statt, die letzte Email wurde meistens zwischen Mitternacht und ein Uhr geschrieben. Und zwischen sieben und eins waren einfach nur hunderttausend Eindrücke, die du gar nicht so schnell verarbeiten kannst, wie sie auf dich einprasseln. Normalerweise hört man über diese Konferenzen im Fernsehen, Zeitung oder lernt vielleicht im Politikunterricht – oder -studium, dass das Washingtoner Artenschutzabkommen das älteste bestehende Umweltabkommen der internationalen Gemeinschaft ist. Man stellt sich dann Konferenzräume mit Abstimmungen vor, in denen China, Japan, die USA, Kamerun oder Brasilien etwas sagen. Aber wer spricht da eigentlich? Und wie läuft so eine Diskussion zwischen über 170 Staaten ab? Ist das immer distanziert, oder gibt es auch mal hitzige Diskussionen? Man bekommt nicht wirklich ein Gefühl für die Konferenz – und genau das wollte ich mit dem Blog transportieren. Die Anspannung der Kollegen, wenn es um kritische Themen, wie die Wilderei geht; die Freude, wenn nach 20 Jahren endlich der internationale Handel mit Haien eingeschränkt wird…kurz: wie spannend und verrückt so eine Konferenz auch einfach sein kann und welche Rolle wir als NGO spielen.

Die Kampagne ist nach der Artenschutzkonferenz in Bangkok in eine neue, vorrangig politische Phase übergegangen. Wie schwierig ist es, den Fokus zu ändern und nach der stark öffentlichkeitsorientierten Phase den Schwung zu behalten?

Das ist schon eine Herausforderung. Jetzt tüfteln wir daran, wie wir die Arbeit hinter den Kulissen richtig gut darstellen. Denn obwohl wir gerade keine Petition haben, passiert gerade ganz, ganz viel und die Prozesse, die in der ersten „Halbzeit“ der Kampagne angestoßen wurden, fangen langsam an Gestalt anzunehmen. Wir haben die letzten Wochen als Halbzeitpause genutzt und geschaut, wo wir strategisch so weiter machen wie bisher, wo wir etwas verändern müssen und wie wir die Kampagne in Deutschland möglichst spannend weiter erzählen können. Daher kann ich nur sagen: Bleibt dran!

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Ein Kommentar

  1. FrischeKick · Mai 13, 2013

    Guten Abend,

    Ich war so frei, und habe das Video, sowie auch das Interview in meinem Beitrag „Lizenz zum Töten?“ erwähnt. Der Link findet ihr hier: http://frischekickfotografie.wordpress.com/2013/05/13/lizenz-zum-toten-licence-for-killing/

    Liebe Grüsse
    Jocey

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