„Zeigen, dass wir nicht zugucken müssen“

WWF gegen die Wildtiermafia

Der WWF Deutschland kämpft in seiner aktuellen Kampagne gegen das verschärfte Problem der Wilderei. In den Savannen und Wäldern Afrikas werden zehntausende Elefanten wegen ihrer Stoßzähne abgeschlachtet. In manchen Regionen sind sie schon ganz verschwunden. Die Ursache für die Wilderei an Elefanten in Afrika ist die Nachfrage nach Elfenbeinschnitzereien und -schmuck in Asien.

Ein akutes Artenschutzproblem, aber auch ein Thema, das für die Menschen in Deutschland weit weg ist. Ich sprach mit Astrid Korolczuk vom WWF über die Herausforderungen ihrer Kampagne, über ihre Rolle als Campaignerin in der Öffentlichkeitsarbeit und über die Möglichkeiten, Menschen für derartige Themen zu mobilisieren.


Astrid, das Geschäft mit Elfenbein und anderen Tierprodukten grassiert wie nie zuvor. Afrika wird von einer Wildereikrise überrollt, die Wilderer sind top ausgerüstet und die Mittelsmänner bestens vernetzt. Hat eine NGO überhaupt eine Chance, so ein internationales, mafiöses Netzwerk zu stoppen?

Nicht alleine. Nein. Ich glaube, es wäre auch ein bisschen utopisch zu denken, dass eine NGO gegen ein international verwebtes Geflecht von Verbrecherbanden vorgehen kann – und selbst wenn wir alle Verbrecher aufspüren und fangen würden – es liegt in den Händen der Staaten, dass diese Verbrecher verurteilt werden und eine angemessene Strafe erhalten. Ich glaube aber schon, dass wir eine sehr wichtige Rolle spielen. In den letzten sechs Monaten ist es uns gelungen, in den Zentralafrikanischen Staaten, Südafrika, bei der UN, bei Organisationen wie Interpol und auch in wichtigen „Champion“ Staaten, wie den USA und Deutschland, das Thema Wildlife Crime als ernstes, schweres Verbrechen zu positionieren, das sich über Länder und Kontinente erstreckt und zum Teil bewaffnete Konflikte finanziert.

In Thailand konnten wir der Premierministerin unsere Petition für ein Verbot von Elfenbeinhandel in Thailand überreichen. Auf der CITES hat sie dann erklärt, dass sie eine Gesetzesreform für ein genau solches Gesetz in die Wege leiten will. Und auch in Vietnam und China haben wir Kampagnenteams, die fieberhaft daran arbeiten das Thema auf die Agenda von Politik und Öffentlichkeit zu bringen. Was mich zum Beispiel besonders beeindruckt hat war, dass auf der Artenschutzkonferenz in Bangkok aus ganz vielen unterschiedlichen Ecken zu hören war, dass wir diese Wildereikrise und die Wildtiermafia nur bezwingen können, wenn wir gemeinsam handeln. Und wenn es tatsächlich gelänge, dass in Afrika und Asien Umweltministerien, Zoll, Auswärtige Ämter und Wirtschaftsministerien, Interpol und die UN and einem Strang ziehen und Länder wie Deutschland, UK, die Niederlande oder die USA dabei helfen können – dann haben wir in unserer Rolle viel geschafft.

Bist du eigentlich Krimifan?

Ja. Ein sehr großer sogar – und es ist mir egal, ob als Buch, Film oder Fernsehserie. Aber ich muss mich auch gleich outen: Den Tatort mag ich nicht.

Ich frage deshalb, weil vieles in deiner aktuellen Kampagne an einen Krimi erinnert – da ist von „Verbrechern“, „Ermittlern“ und einer „Mafia“ die Rede, und es gibt einen „Tatort“, der allerdings in Afrika liegt. Du hattest dich dafür entschieden, die komplette Kampagne wie einen Krimi zu inszenieren – sprachlich, visuell, dramaturgisch. Wieso hast du dieses Bild gewählt? Und wird eine solche Kommunikationsstrategie diesem düsteren Thema überhaupt gerecht?

Ich denke, dass es unsere Aufgabe ist, in den Kampagnen möglichst klar aufzuzeigen, wo das Problem ist, warum eine Situation gerade jetzt so brennt und was wir dagegen tun können. Dabei hilft es, wenn man die Menschen möglichst da abholt, wo sie sind. Ich versuche also immer einen Anknüpfungspunkt an den Alltag unserer Unterstützer zu finden, aber auch von Menschen, die vielleicht noch nie etwas mit uns zu tun hatten. Was diesen Krimi angeht: Ich weiß noch, wie ich, als ich mich das erste Mal in das Thema eingelesen und so nach und nach die Verstrickungen erfasst habe, dachte: Das ist ein wirklicher Krimi. Nur dass er im echten Leben stattfindet. Genau diese Dramatik muss bei den Menschen ankommen.

Ich habe dann Karten genommen und versucht die Täter, Opfer, Motive, Helden dieses Krimis zu identifizieren. Das ging ganz schnell. Da war dann die Idee geboren, dieses sehr komplexe Thema anhand der Krimisprache zu erzählen. Ich denke nicht, dass das Thema Wilderei weniger ernst wird, weil wir hier Krimi Vokabeln genutzt haben – sie helfen einfach nur, sich leichter in die Thematik reinzudenken.

Im Kampagnenvideo erlebt man dich sehr persönlich – eine bewusste Entscheidung. Wir würdest du die Rolle einer Campaignerin oder eines Campaigners gegenüber der Öffentlichkeit beschreiben?

Wir sind Trommler, Scharniere, Schnittstellen und Wegbereiter. Der Campaigner kommt immer dann ins Spiel, wenn ein Thema besonders akut ist, wichtige Entscheidungen anstehen, oder es einfach mehr Unterstützung braucht. Wir erarbeiten dann mit den deutschen und internationalen Kollegen aus dem Naturschutz, Politik, Marketing und Unternehmenskooperationen, was wir für dieses Thema erreichen möchten, welche Meilensteine wir brauchen und wie wir diese erreichen können – letzten Endes geht es darum zu sehen, wie wir mit geballten Kräften das bestmögliche für ein Thema erreichen können, neue Ansätze zu probieren und unsere Bemühungen miteinander zu verzahnen. Und wenn alles gut läuft, dann gelingt es uns z.B., dass sich Länder gemeinsam gegen die Wildtiermafia stellen.

Wie beurteilst du die Rolle von Videos in Kampagnen? Warum war dieser Film für deine Kampagne wichtig?

Die Videos bringen unsere Botschaft auf den Punkt. Sie sind direkt und kommen ohne Adjektive und Umschreibungen aus. Hier müssen wir nicht lange erklären, warum das Problem mit der Wilderei und dem illegalen Handel mit Tierarten so schlimm ist, wer wissenschaftlich welche Meinung vertritt und warum wir jetzt unbedingt handeln müssen. Die Bilder aus der Region, Musik, Schnitt, Interviews machen ganz klar: Da passiert gerade etwas wirklich erschreckendes von bisher noch nie dagewesenem Ausmaß. Wenn wir jetzt nicht handeln, dann ist es zu spät.

Genau für diese Botschaft war dieses Video so wichtig für uns: Wir wollten, dass auch die Menschen in Deutschland nicht nur verstehen, was „da draußen“ passiert, sondern dass wir nicht zugucken müssen, dass wir aktiv werden können.

Die Wildereikampagne hat auch in einer für den WWF erst recht neuen Intensität junge ehrenamtliche Helfer eingebunden. Du hast die Mitglieder der WWF Jugend stark bei den Aktionen integriert. Wie waren deine Erfahrungen mit dieser Zielgruppe? Was musstest du für deine Kampagne dabei berücksichtigen?

Die Jugend ist super. Das macht alles andere leichter. Wir haben mit der WWF Jugend gemeinsam Unterschriften gesammelt . Dabei gab es zwei „große“ Aktionen an den Flughäfen in Hamburg und Frankfurt und zusätzlich konnten alle Jugendlichen auch bei sich in der Umgebung Unterschriften sammeln und sie an uns schicken. Da wir mit ehrenamtlichen Helfern unterwegs sind, ist es wichtig Aktionen nicht erst kurzfristig bekannt zu geben, denn manchmal bedarf es dann doch noch zusätzlicher Organisation. Findet die Aktion unter der Woche statt? Brauchen wir dann noch Bestätigungen für Schulen und Arbeitgeber? Wie sieht es mit der Anreise und Unterkunft aus? Wer kann wann und wie lange? Worum geht es am Tag selbst? Was sagen die Jugendmitglieder, wenn sie auf die Aktion angesprochen werden? Ganz wichtig war, dass ich die Ehrenamtlichen immer möglichst genau informiert habe und als die Teams dann feststanden, eine gemeinsame Telefonkonferenz mit allen gemacht haben. Da konnten dann alle Fragen geklärt werden und die Teams haben sich schon einmal gehört. Und für alle, die sich nicht an den „großen“ Aktionen beteiligen können, sollte man Möglichkeiten finden, wie sie sich dann von zu Hause aus engagieren können.

Du warst persönlich bei der Cites-Konferenz in Thailand, bei der wesentliche Ziele der Kampagne zur Debatte standen. Die Unterschriftenaktion hat offensichtlich gewirkt – Thailand will den Elfenbeinhandel konsequenter verbieten. In deinem Blog konnte man das Geschehen verfolgen. Kannst du uns kurz schildern, wie du diese Tage erlebt hast, und warum es dir wichtig war, ein Blog zu schreiben?

Die Tage waren wir ein kleiner Hurrikane – die ersten Teammeetings fanden bereits morgens um sieben Uhr statt, die letzte Email wurde meistens zwischen Mitternacht und ein Uhr geschrieben. Und zwischen sieben und eins waren einfach nur hunderttausend Eindrücke, die du gar nicht so schnell verarbeiten kannst, wie sie auf dich einprasseln. Normalerweise hört man über diese Konferenzen im Fernsehen, Zeitung oder lernt vielleicht im Politikunterricht – oder -studium, dass das Washingtoner Artenschutzabkommen das älteste bestehende Umweltabkommen der internationalen Gemeinschaft ist. Man stellt sich dann Konferenzräume mit Abstimmungen vor, in denen China, Japan, die USA, Kamerun oder Brasilien etwas sagen. Aber wer spricht da eigentlich? Und wie läuft so eine Diskussion zwischen über 170 Staaten ab? Ist das immer distanziert, oder gibt es auch mal hitzige Diskussionen? Man bekommt nicht wirklich ein Gefühl für die Konferenz – und genau das wollte ich mit dem Blog transportieren. Die Anspannung der Kollegen, wenn es um kritische Themen, wie die Wilderei geht; die Freude, wenn nach 20 Jahren endlich der internationale Handel mit Haien eingeschränkt wird…kurz: wie spannend und verrückt so eine Konferenz auch einfach sein kann und welche Rolle wir als NGO spielen.

Die Kampagne ist nach der Artenschutzkonferenz in Bangkok in eine neue, vorrangig politische Phase übergegangen. Wie schwierig ist es, den Fokus zu ändern und nach der stark öffentlichkeitsorientierten Phase den Schwung zu behalten?

Das ist schon eine Herausforderung. Jetzt tüfteln wir daran, wie wir die Arbeit hinter den Kulissen richtig gut darstellen. Denn obwohl wir gerade keine Petition haben, passiert gerade ganz, ganz viel und die Prozesse, die in der ersten „Halbzeit“ der Kampagne angestoßen wurden, fangen langsam an Gestalt anzunehmen. Wir haben die letzten Wochen als Halbzeitpause genutzt und geschaut, wo wir strategisch so weiter machen wie bisher, wo wir etwas verändern müssen und wie wir die Kampagne in Deutschland möglichst spannend weiter erzählen können. Daher kann ich nur sagen: Bleibt dran!

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Das Prinzip „KONY 2012“ – Mit Social Media die Welt verändern?

Die virale Kampagne „KONY 2012“ hat die Maßstäbe für Massenmobilisierung im Netz gehörig verschoben. Vor genau einer Woche wurde das halbstündige Video auf YouTube mit dem Ziel hochgeladen, den ugandischen, als Kriegsverbrecher gesuchten LRA-Führer Joseph Kony hinter Gitter zu bringen. Dort haben es in sieben Tagen knapp 75 Millionen Menschen gesehen. Hinzu kommen 16,5 Millionen Aufrufe bei Vimeo. Bei Twitter wurde Kony zum Trending Topic, auf Facebook haben sich über 2,9 Millionen der verantwortlichen Organisation „Invisible Children“ angeschlossen. Der Plan, Kony bis zum 20. April zu weltweiter Bekanntheit zu verhelfen, scheint schon nach wenigen Tagen perfekt aufgegangen zu sein.

Bei all dem Hype sind aber auch kritische Stimmen nicht mehr zu überhören. Auf die Kritik möchte ich hier nicht ausführlich eingehen – zusammengefasst wird Invisible Children vor allem vorgeworfen:

  1. die Probleme in Uganda drastisch zu vereinfachen
  2. eine koloniale Perspektive auf Afrika einzunehmen
  3. die im Rahmen der Aktion eingesammelten Spenden nicht sachgerecht zu verwenden – nur etwa ein Drittel der Gelder komme vor Ort an
  4. mit der Unterstützung der Menschen keine Hilfsleistungen, sondern vielmehr einen militärischen Einsatz zu rechtfertigen, der die Situation für die Bevölkerung noch verschlimmern würde, und:
  5. manipulativ auf die Emotionen der Menschen abzuzielen.

Große deutsche Medien haben kritisch über die Kampagne berichtet, u.a.: Die Zeit, Süddeutsche, FAZ. Ausführlicher sind die Kritikpunkte beim Guardian nachzulesen. Invisible Children nimmt hier Stellung zu den Vorwürfen.

Eine Meta-Botschaft, die der Film neben Kony sendet, möchte ich nun genauer beleuchten: Ist es tatsächlich so, dass das Social Web die politischen Verhältnisse verändern und die Krisen in dieser Welt ausräumen kann? Jason Russell, Initiator der Kampagne, dreht im Film bildlich die Pyramide der Meinungsführung auf den Kopf und behauptet: Ja, mit dem modernen Internet können wir endlich die Welt besser machen!

Ob diese These stimmt, bleibt zunächst Spekulation, nur eines steht bereits fest: Handwerklich betrachtet ist „KONY 2012“ eine perfekte Kampagne – „fast schon beängstigend perfekt“. Das Video zieht idealtypisch (manche würden sagen: mit dem Holzhammer) alle bewährten Register, die uns aufrütteln: das Bild der Erde aus dem All, Szenen einer Geburt, die Personlisierung des Dramas anhand des ugandischen Jungen Jacob, Bilder von jungen und vergnügten Aktivisten vor großen Kulissen.

Die Kampagne verknüpft auf smarte Weise Online mit Offline, arbeitet mit Zahlensymbolik (20 Promis und 12 Politiker im Jahr 2012…), erzeugt ein Wir-Gefühl und definiert ein klares Ziel. Zum Schluss der 30 Minuten kann der Betrachter seine angestaute Betroffenheit direkt in eine Handlung übersetzen. Es gibt eine klare, abgestufte Handlungsanleitung bei geringer Einstiegshürde: Du kannast spenden. Du willst nicht spenden? Ok! Weiterverbreiten kostet dich nichts! „Kony 2012 funktioniert wie eine kleine Gehirnwäsche, nach der man sich aber erfrischt fühlt!“

Der Streit über „KONY 2012“ entfesselte sich schnell an der Frage, ob eine derart offensive Kommunikation manipulativ sei. Oder ob es nicht gar gerechtfertigt sei, zu manipulieren, um etwas Gutes zu bewirken. Bitter resümiert ein Journalist in der Süddeutschen Zeitung: „Kony 2012 mag das Gute wollen, aber die Kampagne gibt doch eine ungute Vorahnung davon, wie leicht und schnell sich mit ihren Mitteln Massenunterstützung auch für noch größere militärische Interventionen organisieren ließe. (…) Ob eine Welt, in der der „Slacktivism“ der Vielen die Politik per Mausklick zu den Waffen drängt (und sei es mit den besten Intentionen), ein besserer Ort ist, ist eine andere Frage.“

Andere entgegnen: Warum, verdammt nochmal, suchen wir immer wieder das Schlechte in allem? „Die Tatsache, dass ein Video es schafft, junge Menschen dazu zu bewegen, über den eigenen Tellerrand zu gucken und sich für etwas einzusetzen was wirklich wichtig ist und vielleicht nur ganz vielleicht etwas ändert, wird hier offensichtlich ignoriert!“ empört sich jemand per Kommentar im ZDF-Blog. Und auch in der Community, die ich moderiere, war „KONY 2012“ natürlich ein Thema, und eine Userin schrieb: „Natürlich sieht man die ‚Schleichwerbung‘ für Facebook, und im Nachhinein erkennt man auch deutlich diese Art von Manipulation, die dort angewendet wird. Ich habe auch die Kritik gelesen und JA, da ist vielleicht was Wahres dran. Nichtsdestotrotz finde ich die Aktion und die Organisation um Kony 2012 eine tolle Sache, allein schon weil jetzt so viele Leute diskutieren!“

Was ist es, das uns darin bremst, die Welt positiv zu verändern? Manipulative Kampagnen, die ihre eigene Glaubwürdigkeit unterhöhlen, oder doch eher unsere typische Nörgelei, Zaghaftigkeit und Skepsis? Oder sind es letztlich doch die Grenzen des Mediums, die wir vielleicht gerade unterschätzen?

Wie groß ist die politische Bedeutung von Social Media tatsächlich? Denn ob soziale Medien wirklich die Welt verändern können, ist noch nicht garantiert. Wie unterschiedlich das Potenzial des Internets gesehen wird, zeigt etwa die Debatte zwischen dem Medienwissenschaftler Clay Shirky und dem Autor Malcolm Gladwell, die jetzt.de-Redakteur Dirk von Gehlen zusammengefasst hat.

Während Shirky in seinem Buch „Here comes everybody“ beschreibt, wie Menschen sich mittlerweile organisieren, ohne dafür klassische Organisationen nutzen zu müssen, behauptet Gladwell das glatte Gegenteil, nämlich dass politische Bewegungen unbedingt klassische Organisationsstrukturen brauchen. Die flachen Hierarchien der vernetzten Aktiven seien für eine echte soziale Bewegung eher hinderlich. Deshalb könne man in Bezug auf Twitter und Facebook gar nicht von echtem Engagement sprechen.

Beispiel Demokratiebewegung im Iran: Nach Shirky hat die politische Kraft der Social Media die Demonstrationen im Sommer 2009 erst möglich gemacht. Gladwell bezweifelt hingegen, dass Twitter die politische Lage in diesem Land nachhaltig verändert hat. Wieso hätten die Menschen in Teheran ihren Protest auf Englisch unter dem Schlagwort „iranelection“ organisieren sollen und nicht in ihrer Landessprache Farsi? Die Geschichte vom iranischen Protest sei eher ein westlicher Medienhype.

Das bestätigte auch der Iraner Hamid Tehrani vom Blog-Netzwerk “Global Voices” gegenüber dem britischen Guardian. Während der Proteste gegen Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad hätte es weniger als 1.000 aktive Twitter-Nutzer im ganzen Iran gegeben, und nur ein Bruchteil hätte den Kurznachrichten-Dienst im Sinne der Proteste wahrgenommen. Tehrani bilanziert: „Der Westen war nicht auf das iranische Volk, sondern auf die Rolle westlicher Technologie fokussiert.“

Für echten Protest, so argumentiert Gladwell, seien die Bindungen der sozialen Netze einfach zu schwach. Vielmehr seien echte Freundschaften und belastbare Bindungen eine Grundvoraussetzung für Veränderung. In der ehemaligen DDR etwa hätten 1989 gerade mal 13 Prozent der Bürger überhaupt ein Telefon gehabt. Trotzdem – oder gerade deswegen – sei es ihnen gelungen, ein System zu stürzen. Ohne Likes, ohne Tweets, ohne Badges in irgendwelchen Profilbildern. Klingt zunächst plausibel – dumm ist nur, dass wir nie erfahren werden, was aus der DDR geworden wäre, wenn es schon in den 80er Jahren ein soziales Innternet gegeben hätte…

Zumindest seien sich Shirky und Gladwell darin einig, dass das Internet die Gesellschaft grundlegend verändert, fasst Gehlen zusammen. Gladwell lobe sogar ausdrücklich die fabelhafte Effizienz, mit der das soziale Netz uns neue Ideen und Informationen möglich macht. Facebook und Twitter haben aus Konsumenten Prosumenten gemacht – die Frage ist nur, wie produktiv ihr Handeln tatsächlich ist.

Die revolutionäre Kraft der Social Media liegt für viele Netzaktivisten vor allem in ihrer Niedrigschwelligkeit. Bequem vom Sofa aus die Welt retten. „Slacktivism“ – der Begriff ist weiter oben bereits aufgetaucht – ist die neue Hoffnung vieler Interessensgruppen und NGOs.

Slacktivism: Die Zusammensetzung aus „slacker“ (engl. für rumhängen, nichts tun, lustlos sein) und „activism“ bezeichnet Menschen, die eigentlich zu faul sind, den Arsch hoch zu kriegen, aber andererseits doch aktiv sind. Allerdings nur bei solchen Aktionen, die wenig Anstrengung erfordern. Beispiel: einer Facebook-Gruppe beitreten, Armbändchen oder Buttons mit (politischen) Botschaften tragen oder an „niedrigschwelligen“ Demonstrationen teilnehmen, die nicht viel Aktionismus verlangen (Buy Nothing Day oder World Earth Hour). (Definition nach Duden-Szenesprachenwiki) Slacktivism wird auch als Klicktivism bezeichnet, Slacktivisten als Couch Potatoe Aktivisten oder Armchair Rebels.

Endlich können auch diejenigen aktiviert werden, die sich bisher für Demos im Regenwetter oder abendliche Treffen in lokalen Gruppen nicht begeistern ließen. Was aber ist wirklich gewonnen, wenn auf Facebook 114.000 „gegen Atomkraft“ sind? Letztlich musste doch erst eine Katastrophe wie Fukushima passieren, um die Energiewende endlich zu beschleunigen.

Moment! Schon wieder die skeptische Brille! Man könnte doch auch sagen: Trotzdem ist die Möglichkeit, sich per Klick öffentlich für oder gegen bestimmte Projekte positionieren zu können, ein Gewinn. Nichts ist so effektiv für die Weiterverbreitung eines Aufrufs wie die Mund-zu-Mund-Propaganda über Menschen, die mir vertraut sind. Und das geht dank der sozialen Medien umso schneller! Auch das „Weitersagen“ ist ein wichtiger Bestandteil des Aktivismus, nicht nur die Spende oder der Protest. Und wer eben nicht spenden oder protestieren kann, ist nun nicht mehr zur Inaktivität verdammt, sondern kann sich als Multiplikator einschalten.

Dagegen ließe sich nun wiederum einwenden, dass dieses Tempo den Meinungsbildungsprozess auch regelrecht überrollen kann. Gerade gegenüber „KONY 2012“ äußern Kritiker die Befürchtung, dass die Hyper-Verbreitung des Videos gar keinen Raum mehr lässt für kritische Reflektion. 30 Minuten pure Emotion… 75 Millionen Menschen können nicht irren… ich bin überwältigt, und wen ich dazugehören will, dann sollte ich mich schnell anschließen!

Außerdem zeige sich allzu oft, dass Slacktivism in der Offline-Welt kaum Output bringt. Ein aktuelles Beispiel aus Österreich: „Mehr als 245.000 Nutzer sagten der österreichischen Facebook-Gruppe ‚Tankfreier Tag‘ die Gefolgschaft zu, laut OMV waren aber ‚keine Auswirkungen‘, abgesehen von tagesüblichen Schwankungen, zu bemerken. Der ‚Tankfreie Tag 2‘ am darauf folgenden Samstag interessierte übrigens nur mehr knapp 1.400 Personen.“ Und noch ein trauriges Beispiel führt futurezone.at an: „Die Spendenfreude für Japan hat ebenfalls ihre Grenzen: Die Spenden-App ‚Causes‘, gegründet von Ex-Facebook-Präsident Sean Parker, zählt pro Monat mehr als 20 Millionen aktive Facebook-Nutzer. Bis dato haben lediglich knapp 3.400 Nutzer insgesamt 160.000 Dollar gespendet.“

Der Druck auf den Like-Button scheint sich eher selten in einen Druck auf der Straße zu verwandeln. Viele Leute, die zu einer Demonstration gegangen wären, belassen es heute bei einem Anklicken des ‚Gefällt mir‘-Buttons. Der „Like“ ist für viele mehr Pose als Protest. „Der primäre Grund ist wohl, Freunden und Familie seine Präferenzen zu signalisieren und nicht, politische Ergebnisse im echten Leben zu erzielen“, schreibt der finnische Internet-Forscher Henrik Serup Christensen in seinem Paper “Slacktivism or political participation by other means?” über Facebook-Proteste.

Sollten wir das Aktivierungspotenzial von Social Media überschätzen? Selbst wenn – das heißt keineswegs, dass dieses Potenzial nicht noch steigen kann! Vielleicht sind wir noch nicht weit genug dafür. Vielleicht sind wir noch viel zu tief drin in der digitalen Lernphase. Ich persönlich würde mir viel mehr Kampagnen wünschen wie „KONY 2012“ – genauer gesagt: eine größere Vielfalt solcher Kampagnen, gepaart mit einer Öffentlichkeit, die sowohl kritischer als auch handlungsbereiter solche Impulse aufnimmt. Es ist eine Frage der Medienkompetenz, was die Menschen aus diesen Chancen machen. Letztlich kommen wir wieder zum Prosumenten zurück. Insofern ist die Botschaft um „KONY 2012“ völlig richtig: Nicht die da oben müssen zwangsläufig bestimmen, wofür wir uns engagieren – wir können es bestimmen!

In der Kritikwelle um „KONY 2012“ meldete sich übrigens auch der afrikanische Junge Jacob, den die Filmemacher ins Zentrum ihrer Geschichte rückten, zu Wort. In seiner Heimatregion rund um die Stadt Gulu sei es mittlerweile friedlich, sagte er dem Guardian. „Die Organisation hat wirklich hart gekämpft, um meine Schule wieder aufzubauen“. Doch das Leiden ist damit nicht beendet – es geht an anderer Stelle weiter.