Jugendliche sind umweltbewusst – handeln sie auch so?

© M. Gluschak

Das Umweltbundesamt veröffentlichte im Januar 2016 einen Vertiefungsbericht zur Umweltbewusstseinstudie, bei dem die Jugend im Fokus steht. Das Fazit: Jugendliche sind zwar an einer intakten Umwelt interessiert, es fällt ihnen aber schwer, hierfür auf Konsum zu verzichten. Auch laut aktuellen Greenpeace-Studien gibt es bei Jugendlichen teilweise Unterschiede zwischen Umweltbewusstsein und Konsumverhalten. Im Oktober 2015 besagte hingegen die neue Jugend-Shell-Studie, dass Jugendliche so umweltbewusst und engagiert seien wie schon lange nicht mehr. Materielle Werte würden an Bedeutung verlieren. Wie passt das zusammen? In diesem Blogbeitrag möchte ich die Ergebnisse drei Studien miteinander vergleichen und die wichtigsten Erkenntnisse bündeln.

Umwelt und Natur sind der Jugend wichtig. In dieser Kernaussage stimmen alle drei Studien überein. Sowohl das Umweltbundesamt als auch die von Greenpeace beauftragte Leuphana Universität Lüneburg kommen zu dem Schluss, dass Jugendliche den Schutz der Natur und ein nachhaltiges Wirtschaften befürworten. Und auch die Jugendstudie, die Shell inzwischen zum 17. Mal in Auftrag gegeben hat, stellt fest: Für Jugendliche sind Umwelt, Natur und Nachhaltigkeit wieder wichtiger geworden. Die Shell-Studie erkennt gar eine politisch interessierte Jugend „im Aufbruch“.

Die methodischen Ansätze der drei Studien:

  • Shell-Studie „Jugend 2015“ (13.10.2015): repräsentative Stichprobe mit 2558 Personen im Alter von 12 bis 25 Jahren / standardisierter Fragebogen im Zeitraum von Anfang Januar bis Anfang März 2015 / außerdem zwei- bis dreistündige, vertiefende Interviews mit 21 Jugendlichen.
  • Studie des Umweltbundesamtes „Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Menschen“ (26.01.2016): Analyse der Daten von 251 jungen Befragungsteilnehmern zwischen 14 und 25 Jahren aus der Gesamtstichprobe von 2.117 Teilnehmern in der Umweltbewusstseinsstudie 2014 / erstmals Onlinebefragung statt persönliche Interviews / ergänzend qualitative Erhebung mit einer Fokusgruppe (junge Erwachsene) und mehreren Interviews in Zweiergruppen mit Jugendlichen.
  • Studie von Greenpeace und Leuphana-Universität „Nachhaltigkeitsbarometer 2015“ (16.01.2016): repräsentative Stichprobe mit 1.511 Personen zwischen 15 und 24 Jahren / Befragung im Sommer 2014.

Den umfassendsten Blick auf die junge Generation nimmt die Shell-Studie ein, die verschiedenste Lebensbereiche junger Menschen beleuchtet. Wie schon seit einigen Jahren agieren Jugendliche pragmatisch und wenig rebellisch. Die individuelle Suche nach einem gesicherten und eigenständigen Platz in der Gesellschaft sowie nach einem auskömmlichen Leben steht im Vordergrund. Jugendliche nehmen hierfür durchaus in Kauf, sich an Leistungsnormen zu orientieren und sich im Wettkampf um das „gute Leben“ durchsetzen zu müssen. Allerdings ist auch der Wunsch nach guten sozialen Beziehungen und nach Gemeinschaft durchaus vorhanden.

Neu ist das wieder steigende politische Interesse bei Jugendlichen. Zwischen 1980 und 1990 waren Jugendliche noch stark von Themen wie Atomkraft, Friedensbewegung und Wiedervereinigung geprägt. 1991 gaben 57 % an, sich für Politik zu interessieren. Danach ging dieses Interesse stark zurück bis auf ein Drittel politikinteressierte Jugendliche in 2002. Jetzt sind es wieder 41 %. Fast die Hälfte der Jugendlichen (49 %) gibt außerdem an, dass ihr Interesse am Weltgeschehen in den letzten Jahren zugenommen habe. Die Autoren der Shell-Studie bringen dies aber nicht mit den aktuellen Krisen in Zusammenhang. Vielmehr wirken hier zwei Faktoren zusammen: Jugendliche sind wieder optimistischer, was ihre eigene Zukunft sowie die Gestaltbarkeit der gesellschaftlichen Zukunft angeht. Und durch die sozialen Medien bieten sich schon für junge Menschen neue und einfache Beteiligungsmöglichkeiten, etwa Online-Petitionen.

Welche Bedeutung haben Umwelt und Naturschutz bei Jugendlichen?

Nach der Shell-Studie sind die wichtigsten Themen bei den Jugendlichen: Kinder & Familie (55 %), Bildung, Wissenschaft & Forschung (46 %), soziale Sicherung & Rente (42 %) sowie Arbeitsmarkt (37 %). Interessant ist, dass der Bereich „Umwelt und Naturschutz“ mit 34 % wieder an Bedeutung gewonnen hat.

Die UBA-Studie, die immer den direkten Vergleich zu älteren Gesellschaftsgruppen mitliefert, zeigt auf, dass Jugendliche deutlich häufiger Umwelt- und Klimaschutz als aktuelle wichtige Probleme betrachten (14 bis 17-Jährige: 31 %, 18 bis 25-Jährige: 21 %, Gesamtstichprobe: 19 %). Junge Leute betrachten ökologische Fragen außerdem vernetzter mit sozialen und wirtschaftlichen Fragen. Sie stellen Umwelt- und Klimaschutz in den Kontext anderer politischer Herausforderungen und betrachten sie als zentrale Zukunftsaufgaben.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Greenpeace-Studie: Demnach verstehen Jugendliche Nachhaltigkeit nicht einfach als ein anderes Wort für Umwelt, sondern als systemisches Konzept. Auch in dieser Studie zeigt sich aber, dass bei einer Priorisierung die Umwelt nicht auf Platz 1 liegt. Die größte Beachtung finden berufliche bzw. damit verbundene Wirtschaftsaspekte. Danach allerdings kommen direkt Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte.

Welche Rolle spielen Konsum und Verzicht?

Die Bereitschaft Jugendlicher zum umweltbewussten Verhalten hat sich laut Shell-Studie erhöht (2010: 59 %, 2015: 66 %). Dies hängt, so die Autoren, eng mit dem gestiegenen Gesundheitsbewusstsein zusammen. Dagegen haben materielle Werte wie Macht oder ein hoher Lebensstandard an Bedeutung verloren.

Was für die Jugendlichen zu einem „guten Leben“ gehört, hat das Umweltbundesamt abgefragt. Demnach steht für sehr viele im Vordergrund, „in Familie beziehungsweise Gemeinschaft geborgen zu sein“ (58%). Ebenfalls häufig genannt wurde aber auch: „einen hohen Lebensstandard erreichen bzw. halten“ (48%), „die Erfüllung existentieller Grundbedürfnisse (46%)“, die eigene schulische und berufliche Entwicklung sowie – damit eng verbunden – „Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und Selbstbestimmung“ (39%).

Das Streben nach einem hohen Lebensstandard offenbart das Dilemma: Beim alltäglichen Konsum ist die umweltbezogene Handlungsbereitschaft junger Menschen vergleichsweise gering. Vor allem der Erwerb von aktueller Elektro- und Unterhaltungstechnik sowie von (Marken-)Kleidung ist für viele Jugendliche eine wichtige Quelle für Teilhabe und soziale Anerkennung. Konsum hat einen hohen Stellenwert – ein Verzicht ist für viele kaum vorstellbar. „Die jetzt vorliegende Studie zeigt, dass die Bereitschaft, das Handeln nach Umweltgesichtspunkten auszurichten, vor allem bei den Jüngeren eher abnimmt“, sagte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Dazu passt auch eine Beobachtung von Greenpeace aus dem vergangenen Jahr. In einer Umfrage hatte Greenpeace festgestellt, dass Jugendliche ein tiefes Bewusstseins für die Produktionsbedingungen und Umweltauswirkungen in der Modeindustrie haben, aber trotzdem bei Billigketten einkaufen.

88 % der Jugendlichen möchte so leben, dass sie sich mit sich und ihrer Umwelt im Reinen fühlen, berichtet die UBA-Studie. Über eine Einschränkung des privaten Konsums möchten aber nur 63 % eventuell nachdenken. Das Prinzip einer immer weiter wachsenden Wirtschaft wird zwar von 69 % kritisch gesehen, ebenso viele gehen aber auch davon aus, dass dieses Prinzip notwendig ist, um das Wohlstandsniveau zu halten.

Gibt es auch Bereiche, in denen das starke Umweltbewusstsein zu umweltgerechtem Verhalten führt?

Die Konsumorientierung von Jugendlichen deutet auf einen Konflikt mit dem Umweltbewusstsein hin, allerdings lassen sich etwa im Bereich der Mobilität und der Ernährung durchaus Potenziale für ein umweltverträgliches Verhalten erkennen. Das eigene Auto verliert laut UBA-Studie an Bedeutung, Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel gewinnen an Beliebtheit. Zudem nutzen jungen Erwachsene zunehmend Car-Sharing Angebote bzw. haben daran größeres Interesse als die älteren Erwachsenen (35 % gegenüber 25 % in der Gesamtstichprobe).

Kollaborativer Konsum gewinnt an Akzeptanz. 79 % stehen dem Ausleihen, Tauschen und Reparieren offen gegenüber. In den qualitativen Befragungen der UBA-Untersuchung nennen die Jugendlichen durchaus die Reduktion des eigenen Textilkonsums, der Anbau von Obst- und Gemüse in Urban Gardening-Initiativen und Bienenzüchten als umweltschützende Handlungsmöglichkeiten. Die Studie zeigt zudem, dass die 14- bis 25-Jährigen vor allem bereit sind, sich bei der Ernährung einzuschränken. Beim Einkauf achten sie zunehmend auf Bio-Lebensmittel oder Fisch aus nachhaltiger Fischerei und essen weniger Fleisch. So ist der Anteil der Vegetarier oder Veganer unter den jungen Leuten größer als in der Gesamtgesellschaft.

Wirkt sich das Umweltbewusstsein positiv auf das persönliche Engagement aus?

Jugendliche haben ein hohes Interesses an der Politik, zu den aktuellen Herausforderungen der Gesellschaft fühlen sie sich durchaus informiert, mit der Demokratie sind 73 % zufrieden – aber das Vertrauen in Parteien und Organisationen ist sehr gering, so das Fazit der Shell-Studie. Wenig verwunderlich ist daher, dass selten die Mitarbeit in einer Partei oder einer Umweltgruppe gemeint ist, wenn 56 % der Jugendlichen angeben, sich politisch einzubringen. Jugendliche sehen ihre Beteiligungsmöglichkeiten vor allem in individuellen, niedrigschwelligen und unbürokratischen Aktivitäten. Laut Shell-Studie sind dies insbesondere onlinebasierte Maßnahmen wie Online-Petitionen und Protest in sozialen Netzwerken (99 % der Jugendlichen sind online und im Schnitt mehr als 18 Stunden pro Woche im Netz), aber auch Demos oder strategischer Konsum bzw. Boykott gehören dazu.

Die Befragten bei der Greenpeace-Studie nannten als beliebteste Aktivitäten: auf sparsamen Energieverbrauch achten (haben 90 % bereits getan), Müll vermeiden (82 %), sich im Internet auf Seiten von Umweltorganisationen informieren (31 %), Produkte boykottieren (30 %), sich für lokale Projekte einsetzen (29 %), Demonstrationen (22 %), die Ernährung umstellen (16 %) und Online-Petitionen unterschreiben (16 %). Bei der UBA-Studie fallen die Zahlen etwas anders aus: 44 % haben bereits Online-Petionen unterschrieben, Protest über sozialen Netzwerke sowie das Publizieren von Blogbeiträgen hat je ein Fünftel bereits gemacht. Auch Flashmobs sind für immerhin 13 % der Jugendlichen keine Neuheit mehr.

Das Nachhaltigkeitsbarometer von Greenpeace unterteilt Jugendliche mit Blick auf ihr Engagement in fünf Typen. Die größte Gruppe bilden die „Nachhaltigkeitsaffinen“. Dies sind die Motivierten, die konkret etwas für die Umwelt tun wollen und dies auch umsetzen. Ihre Zahl hat gegenüber 2012 leicht abgenommen, liegt aber immerhin bei 31,8 %. Dem gegenüber stehen die „Nachhaltigkeitsrenitenten“, die eine ablehnende Haltung einnehmen. Auch ihre Zahl hat leicht abgenommen (16,2 %). Dazwischen stehen drei Mischtypen, die sich nicht einheitlich positionieren: Die „Nachhaltigkeitsaktiven ohne inneren Anlass“ (16,4 %) handeln zwar umweltverträglich, tun dies aber kaum aufgrund von inhaltlichen oder ethischen Absichten. Die „Nachhaltigkeitsinteressierten ohne Verhaltenskonsequenzen“ (20,3 %) sind dagegen motiviert, konnten aber bislang keine Handlungen konkretisieren. Die „Nachhaltigkeitslethargiker“ (15,3 %) sind träge, sie nehmen sich zwar Handlungen vor, aber richtig motiviert sind sie noch nicht.

Bei jungen Jugendlichen (12 bis 17 Jahre) ist das persönliche Engagement laut Shell-Studie etwas gesunken, bei den älteren Jugendlichen (18 bis 21 Jahre) etwas gestiegen – insgesamt liegt es aktuell auf 34 %. Die Autoren der Shell-Studie sehen als einen wahrscheinlichen Grund für den leichten Rückgang des Engagements, dass Jugendliche durch die Verkürzung der Schulzeit (G8) sowie die Einführung des Bachelor-Studiums weniger Zeit für ein Engagement haben.

Trotz des geringen Vertrauens, so ein Ergebnis der UBA-Studie, sehen Jugendliche vor allem auch die Politik in der Pflicht, z.B. gegenüber der Industrie strengere Vorgaben zu machen. Den Einfluss von Lobbygruppen betrachten Jugendliche sehr kritisch. NGOs, Parteien, aber auch Institutionen wie Kirchen, das Rote Kreuz, THW und viele andere müssen, so Greenpeace, den veränderten Realitäten des Engagements Rechnung tragen und neue, zielgruppengerechte Angebote machen. Bürokratische Prozesse und starre Strukturen passen nicht in die Web 2.0-geprägte Alltagswelt von Jugendlichen. Schnelle Beteiligungsformen betrachten Jugendliche daher als ihr Mittel zur Einmischung.

In den qualitativen Befragungen äußern die Jugendlichen auch ihre Unzufriedenheit mit den aktuellen Angeboten der Umweltkommunikation. Obwohl sie fast ständig von Medien und Informationen umgeben sind, erreichen sie Umweltthemen über ihre gewohnten Kommunikationskanäle kaum. In allen Studien äußern Jugendliche den Wunsch, dass mehr in den Schulen für Umweltthemen sensibilisiert wird. Das Nachhaltigkeitsbaromenter liefert außerdem die spannende Erkenntnis, dass Unterricht, bei dem Nachhaltigkeit thematisiert wird, sich nachweislich positiv auf das Verhalten der Jugendlichen auswirkt. Die Schülerinnen und Schüler geben an, sich danach mehr mit dem Thema beschäftigt und Dinge in ihrem Leben geändert zu haben. Allerdings konstatieren die Autoren der Greenpeace-Studie, dass der Unterricht oftmals noch nicht den Kriterien der Bildung für nachhaltige Entwicklung entspricht – hier besteht also noch mehr Potenzial.

Fazit – Jugendliche setzen sich für Umwelt und Nachhaltigkeit ein, aber auf ihre Weise

Die Studien kommen bei näherer Betrachtung doch zu recht einheitlichen Ergebnissen. Die differenzierten Analysen machen deutlich, dass sich das Umweltbewusstsein bei Jugendlichen unterschiedlich auf das Verhalten auswirkt. Manche Konsummuster werden kaum hinterfragt, andere werden durchaus aufgebrochen und verändert. Jugendliche bilden sich ihre Meinung und verstehen sich nach eigenem Maßstab durchaus als politische Akteure – ein paar Klicks zählen dabei ebenso dazu wie ein Flashmob. Wenn sich Jugendliche über den Online-Aktivismus hinaus engagieren, bevorzugen sie eher unkonventionelle Protestformen. Statt lange Debatten, eng strukturierte Verbandsarbeit oder radikale Aktionen sucht die Mehrheit eher flexible und originelle Aktivitäten, durchaus auch mal spaßbetont, (selbst-)ironisch, ungewöhnlich, überspitzt und kreativ (lesenswert hierzu auch das Schwerpunktthema „Bloß kein Öko-Gelaber“ in der zeo2).

Jugendliche langfristig in der Verbandsarbeit zu binden, wird also schwieriger. Eine weitere große Herausforderung ist es, Jugendliche in prekären Milieus zu erreichen. Jugendliche in sozial schwächeren Schichten sind deutlich pessimistischer, passiver und weniger empfänglich für Umweltthemen, Vorurteile und politische Extreme fallen bei ihnen eher auf fruchtbaren Boden. Die Shell-Studie stellt außerdem besorgt fest, dass die Kluft zwischen Jugendlichen in den unteren Schichten (ein Drittel) und denen in mittleren und gehobenen Schichten noch nie so groß war. Bei den besser gestellten Jugendlichen gibt es kaum Verständnis oder Solidarität für die „Abgehängten“. Der Naturschutz baut an dieser Kluft mit, richtet er sich doch allzu häufig mit seinen Maßnahmen an den Bedürfnissen der Umweltaffinen und des Bildungsbürgertums aus. Um eine Transformation der Gesellschaft zu erreichen, müssen aber möglichst alle Menschen mitgenommen werden. Deshalb muss es uns gelingen, auch Jugendlichen mit vermeintlich schlechteren Perspektiven Wege in die Nachhaltigkeit zu ermöglichen.

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Naturbewusstsein und Engagement

Das Bundesumweltministerium und das Bundesamt für Naturschutz haben eine neue Bevölkerungsumfrage zum Naturbewusstsein in Deutschland durchgeführt. Aus der Studie „Naturbewusstsein 2011“ lassen sich wichtige Erkenntnisse für den Naturschutz ziehen – unter anderem vor dem Hintergrund der Frage, wie wir Menschen für ökologisches Handeln aktivieren können. Die Forscher hatten 2.031 Personen ab 18 Jahren befragt, aus allen soziodemographischen Segmenten und allen Regionen Deutschlands.

Glück und Gerechtigkeit – das sind die zwei Faktoren, die eine besonders wichtige Rolle spielen, wenn sich Menschen für den Schutz der Natur engagieren, fasst Beate Jessel, Präsidentin des BfN, die Ergebnisse zusammen. „Schutz der Natur bedeutet daher, jenseits aller ökologischen und ökonomischen ‚Grabenkämpfe‘, einen Teil unseres persönlichen Lebensglückes und eines guten Lebens zu erhalten und dies auch zukünftigen Generationen zu ermöglichen.“ Da ist er wieder, der Appell, der die Diskussion im Naturschutz schon einige Jahre bestimmt: Umwelt- und Naturschutz sollten nicht als notweniges Übel, sondern als Weg in eine lebenswertere Zukunft gesehen und kommuniziert werden. Denn mit dieser Sichtweise ließen sich mehr Menschen dafür begeistern, etwas in ihrem Leben zu verändern.

Die Natur ist uns lieb und teuer, wie die Studie zeigt. Dennoch handeln viele Menschen nicht entsprechend, und das liegt daran, dass Naturschützer immer noch ein unvorteilhaftes Image haben und sich der Einsatz für eine gute Sache meist sperrig in den Alltag einbauen lässt. Die am häufigsten genannten Gründe der Befragten, im Naturschutz nicht aktiv zu werden, sind: keine Zeit, keine Lust auf Langzeitverpflichtungen, und: das Gefühl, nicht zu den aktiven Naturschützern zu passen. Mehr positive Ansätze, mehr konkrete Beteiligungsangebote, mehr Lebensgefühl – das sind Anforderungen, die der Naturschutz unbedingt erfüllen sollte. Es würde sich lohnen, denn laut der Studie ist das Potenzial für mehr Engagement recht hoch. Vor allem diesen Aspekt der Studie möchte ich in diesem Beitrag zusammenfassen.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick: Der Naturschutz wird von einer großen Mehrheit der Befragten (86 Prozent) als wichtige politische Aufgabe bewertet – 95 Prozent sehen darin gar eine menschliche Pflicht. Deutlich weniger Befragte (43 Prozent) als 2009 (55 Prozent) sind der Meinung, dass in Deutschland genug getan wird, um die Natur zu schützen. Ein knappes Drittel wiederum vertritt die Meinung, dass die Natur der wirtschaftlichen Entwicklung nicht im Weg stehen darf.

Die Mehrheit (62 Prozent) fühlt sich persönlich für den Schutz der Natur verantwortlich und ist bereit, eigene Beiträge zu leisten, sei es im Konsumverhalten oder durch freiwilliges Engagement. Die Menschen haben ein großes Interesse daran, mehr über die Natur- und Umweltverträglichkeit von Konsumgütern zu erfahren. Einen aktiven Einsatz für den Schutz der Natur, vor allem durch praktische Tätigkeiten, kann sich rund die Hälfte der Bevölkerung vorstellen (darin eingerechnet ist das knappe Fünftel derer, die sich als bereits aktiv bezeichnen). Wie so oft hängt vieles von der sozialen Stellung ab: Die Bereitschaft, das alltägliche Handeln zumindest teilweise naturverträglich auszurichten, wächst mit Bildung und Einkommen. Finanziell gut gestellte Personen haben allerdings aufgrund ihres höheren Konsumniveaus oft insgesamt eine schlechtere Natur- und Umweltbilanz – ein Dilemma, aber zumindest sind diese Gruppen ,verständnisbereit‘.

Mehr Menschen als in 2009 können etwas mit dem Begriff „Biologische Vielfalt“ anfangen. Dennoch ist das in der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt formulierte Ziel, dass bis zum Jahr 2015 mindestens 75 Prozent der Bürgerinnen und Bürger die Bedeutung der Biologischen Vielfalt bewusst ist und sie ihr Handeln zunehmend daran ausrichten, noch lange nicht erreicht. Etwas verzweifelt klingt die anschließende Analyse, Naturschutz und Biologische Vielfalt seien einfach noch keine großen Themen und müssten stärker in den „Transformationsdiskurs“ hineingetragen werden. Es bedürfe „weiterhin noch sehr großer Anstrengungen in den Bereichen Bildung und Kommunikation“.

Interessant ist, dass sich viele durchaus ein Engagement für die Natur vorstellen können, sowohl handwerklich-praktisch in der unmittelbaren natürlichen Umgebung, aber auch im inhaltlichen Bereich. Rund 60 Prozent der Befragten zeigen Interesse daran, an einem befristeten Projekt oder in einer lokalen Bürgerinitiative zum Schutz der Natur mitzuarbeiten. Für fast ebenso viele ist es attraktiv, Naturerlebnisaktionen für Kinder und Jugendliche durchzuführen oder das Vorkommen von Tier- und Pflanzenarten zu erfassen. Das geringste Interesse besteht an der Durchführung von Informationsständen, aber selbst dies wird von rund 40 Prozent nicht ausgeschlossen! Auch ich bin immer wieder erstaunt, dass zum Beispiel in der WWF Jugend Aktive immer wieder darauf zurückkommen, Infostände zu organisieren. Ich hätte eigentlich vermutet, dass diese Form des Engagement bei Jugendlichen als anstrengend, frustrierend und altbacken empfunden wird.

Es gibt also noch Potenzial für mehr Engagement, und daran schließt sich die spannende Frage an, wie das vorhandene Naturschutzinteresse stärker in konkrete Handlungen überführt werden kann. Die Studie empfiehlt einerseits, zielgruppenspezifisch zu vermitteln, was zum Beispiel im eigenen Garten oder im Wohnumfeld für den Natur- und Artenschutz getan werden kann. Zum anderen sollten im verbandlichen Naturschutz neue Formen der Mitarbeit weiter entwickelt werden, die auch Personen mit wenig Zeit und geringer Bereitschaft zu langfristigem Engagement ansprechen.

Schaut man sich an, wie die bereits Aktiven über ihre Hilfe denken, lernt man viel darüber, wie man Engagementbereite ansprechen kann. Denn mit dem Engagement zum Schutz der Natur sind vielfältige Motive und Erwartungen verbunden. Für die meisten der bereits aktiven Befragten steht an erster Stelle, der Natur zu helfen – also ein inhaltliches Motiv. Die Tätigkeit soll aber außerdem Spaß machen, ein Vorbild für Kinder sein, sowie das Gefühl geben, etwas Wichtiges zu leisten und mit der Tätigkeit etwas für das Gemeinwohl zu tun. Jüngere Befragte nennen überdurchschnittlich häufig die Chance auf Anerkennung und berufliche Weiterentwicklung als Beweggrund. 67 Prozent der unter 29-Jährigen wünschen sich Anerkennung für ihr Engagement (gesamt: 47 Prozent) und 47 Prozent erwarten, dass sie beruflich davon profitieren können (gesamt: 38 Prozent). Diese Ergebnisse zeigen: Wer Naturschutz ’nur‘ über die Sache an sich vermittelt, verpasst die Chance, größere Gruppen der Bevölkerung zu mobilisieren. Um also zum Beispiel junge Menschen zu aktivieren, sollten Hilfsangebote stärker mit Fortbildungsmöglichkeiten und Zusatzqualifikationen gekoppelt werden.

Durch seine Konzentration auf das Inhaltliche adressiert der Naturschutz vor allem diejenigen, die das Thema ohnehin mehr oder weniger interessiert. Um aber auch sozial benachteiligte und naturfernere gesellschaftliche Gruppen für Naturschutzthemen zu gewinnen, müssen Naturschützer stärker den praktischen und ideellen Wert (‚gutes Leben‘) von Natur in den Mittelpunkt rücken. Mit zielgruppenspezifischen, niedrigschwelligen Angeboten im nahen Lebensumfeld muss der Naturschutz den Menschen klar machen: Vom Naturschutz profitiert auch ihr ganz deutlich, Naturschutz ist für euer Leben ein großer Pluspunkt! Der Vorschlag der Studie: „Lebensqualität für alle“, kann hierfür ein erfolgreiches Aktivierungsmuster sein.

Die Studie betont dabei die Bedeutung von Freizeit- und Erlebnisangeboten: „Einfache Zugänge zur Natur, beispielsweise durch Parkanlagen im Siedlungsbereich, sind insbesondere für Kinder wichtig, denen entsprechende Erlebnisse außerhalb eines städtischen Umfeldes sonst nicht möglich wären.“ Auf diese Weise käme der Natur in den Städten eine neue Bedeutung zu – und damit vielleicht auch wieder eine größere Würdigung, denn noch nie ging es dem Stadtgrün so schlecht wie jetzt.

Die Studie zum Naturbewusstsein zeigt erneut, dass der Naturschutz noch längst nicht die gesellschaftliche Bedeutung hat, die er haben könnte. Ja, der Naturschutz hat sich weiterentwickelt – u.a. spricht Karl-Werner Brand bereits vor 15 Jahren von der Professionalisierung des Naturschutzes (Brand et al. 1997: „Ökologische Kommunikation in Deutschland“). Trotzdem gelingt es dem Naturschutz nach wie vor nicht, aus seinem ‚Akzeptanzdilemma‘ zu entkommen (einschlägige Texte zu diesem Problem wurden in der Umweltsoziologie u.a. von Cornelia R. Karger, Fritz Reusswig und Kai Schuster veröffentlicht). Vereinfacht ausgedrückt: Jeder findet Naturschutz wichtig, aber kaum jemand mag mitmachen. Die Gründe hierfür sind je nach sozialem Milieu unterschiedlich, und nicht einmal bei den bereits Aktiven liegen eindeutige Motive vor. Vielmehr haben sich Naturbilder, Umwelteinstellungen und Umweltverhalten pluralisiert. Jeder, der mitmacht, trägt ein individuelles Stückchen bei. Der Naturschutz muss also noch stärker als bisher lebensstilbezogen und individuell auf die gesellschaftlichen Gruppen zugehen. Vor allem muss er dabei die unterschiedlichen Anknüpfungspunkte einsetzen, die über den Naturkontext hinaus interessant für die Menschen sind, darf dabei aber nicht die zentralen Werte aus dem Auge verlieren.

Pragmatisch engagiert – ein Widerspruch?

Hohe Erwartungen, unsichere Jobchancen – das übt Druck aus auf die heutige Jugendgeneration. Doch Jugendliche in Deutschland reagieren auf diesen Leistungsdruck anders als vielleicht erwartet – nämlich nicht mehr mit Protest, sondern mit Pragmatismus. Sozial benachteiligte, leistungsschwächere Jugendliche werden von anderen Jugendlichen immer weniger akzeptiert – doch gerade diese Gruppe der „Prekären“ wächst. Das sind zentrale Ergebnisse einer neuen Sinus-Jugendstudie, die unter anderem von der Bundeszentrale für politische Bildung in Auftrag gegeben und im April 2012 vorgestellt wurde.

Die aus meiner Sicht entscheidende Beobachtung ist, wie eklatant das Prinzip Leistungsgesellschaft inzwischen bei Jugendlichen ankommt. Einerseits versuchen viele Jugendlichen, auf den Leistungsdruck mit Machbarkeitsoptimismus und Fleißversprechen zu antworten. Sie verhalten sich wie „Mini-Erwachsene“, die immer früher damit beginnen (müssen), ihre Karriere aktiv zu gestalten. Andererseits beobachten die Forscher das sogenannte „Regrounding“ – traditionelle Werte wie Sicherheit und Pflichtbewusstsein werden wieder in, Freunde und Familie gewinnen an Bedeutung.

Der Druck scheint außerdem dazu zu führen, dass Jugendliche sich sozial deutlicher voneiander abgrenzen. Die Autoren der Studie äußern sich besorgt über die zunehmende „Entsolidarisierung“. Viele Jugendliche haben sich demnach abfällig über Hartz-IV-Empfänger und ausländische Jugendliche geäußert, wenn auch zum Teil verklausuliert, etwa mit Formeln wie „Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass…“.

Freiwilliges Engagement neben G8 und Praktikum, Bachelor und Master? Wer mit Jugendlichen arbeiten, sie vielleicht sogar für etwas begeistern will, der muss sich also auf eine schwierige Aufgabe einstellen. Wie will man guten Gewissens Jugendlichen noch mehr „Arbeit“ aufhalsen? Jugendliche sind heute nicht nur aufgesplittet in viele, teils vollkommen unterschiedliche Milieus, sondern auch immer schwerer zu aktivieren – wobei dieser Rückschluss schon nicht mehr stimmen muss, wenn man für neue Wege bereit ist.

Wertvolle Anregungen liefert hierbei der Vertiefungsbericht der aktuellen Umweltbewusstseinsstudie: „Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Erwachsener“ (2011). Auch diese Studie hat das Sinus-Institut durchgeführt. Während sich die Sinus-Jugend-Studie von 2012 auf die 14- bis 17-Jährigen konzentriert, haben sich die Forscher im Vertiefungsbericht zur Umwelteinstellung den 18- bis 29-Jährigen gewidmet. Und auch bei den älteren Jugendlichen lassen sich ähnliche Hürden ausmachen: die vielen Probleme der Alltagswelt, die berufliche Belastung und soziale Verschärfungen sorgen dafür, dass sich junge Erwachsene nicht mehr so für den Naturschutz einsetzen können, wie das in früheren Generationen der Fall war. Das Bild ist sehr heterogen: Unter den jungen Erwachsenen findet man überdurchschnittlich häufig sowohl Vorreiter als auch Nachzügler in Sachen Umweltschutz. Für beide muss sich der Naturschutz öffnen.

Wer Jugendliche heute erreichen will, sollte also unbedingt die Lebenswelt dieser Zielgruppe kennen. Die Bedürfnisse der Jugendlichen müssen im Vordergrund stehen. Naturschutzkommunikation sollte sich in die Weltsicht sowohl pragmatischer als auch bildungsferner Jugendlicher hineinversetzen.

Hier einige Anknüpfungspunkte, die die Autoren der beiden Sinus-Studien vorstellen:

  • Nutzenerwägung berücksichtigen: Ein Ansatz besteht gerade darin, den vermeintlichen Gegensatz zwischen freiwilligem Engagement und notwendiger Arbeitswelt aufzulösen, indem man beides zusammenbringt. Wenn Naturschutzprojekte den Jugendlichen helfen, auch beruflich voran zu kommen, sich zu qualifizieren oder an Prestige zu gewinnen, dann wird Naturschutz für Jugendliche plötzlich zu einem attraktiven Weg Betätigungsfeld. Verantwortungsvolle Aufgaben, Seminare oder Mentorenprogramme sind Beispiele, die in den Engagementkontext eingebunden werden sollten.
  • Entideologisiertes Engagement: Da Jugendliche heute flexibel zwischen verschiedenen Identitäten und Interessen wechseln wollen, kommen Angebote schlecht an, die einem eine Identität „aufprägen“. Insbesondere die Normen der klassischen Umweltbewegung mit ihren eindeutigen Feindbildern sind nicht mehr zeitgemäß. Jugendliche suchen neue, unkonventionelle und flexible Wege des Engagements und bewussten Konsums abseits des Öko-Lifestyles. Positive Visionen motivieren stärker als feste Feindbilder. (Die besondere Herausforderungen bei diesem Punkt sehe ich darin, nicht in eine Beliebigkeit bei der Wertekommunikation zu rutschen – im Mittelpunkt muss weiterhin die gute Sache stehen, um nachhaltiges und empathisches Engagement zu fördern.)
  • Entgrenzte, aber zeitlich begrenzte Projekte: Es passt nicht mehr in die Lebenwelt von Jugendlichen, sich dauerhaft in einer (lokalen) Gruppe zu engagieren. Verbandsstrukturen gelten als ineffizient, langfristige Verpflichtungen sind schlecht vereinbar mit den restlichen To Do‘s. Zeitlich begrenzte, erlebnis-, ziel- und lösungsorientierte Projekte sind für pragmatische Jugendliche weitaus interessanter. Dabei sollte das Thema, und nicht die damit verbundene Organisation im Mittelpunkt stehen.
  • Soziale Medien: Dieser Punkt dürfte klar sein – das Internet ist fester Bestandteil der Lebenswelt von Jugendlichen. Deshalb sollten Umweltangebote unbedingt auch im Web angesiedelt sein. Vor allem Soziale Medien bieten die Möglichkeit, Aktionen oder Projekte auch über regionale Grenzen hinweg zu koordinieren und effizient zu kommunizieren. Die WWF Jugend Community ist hierfür ein passendes Beispiel, und die steigende Anzahl ihrer Aktionen zeigt, dass Online durchaus im Offline Wirkung zeigt.

Der Naturschutz muss also neu auf Jugendliche zugehen. Dabei sollte man ruhig zuversichtlich bleiben, denn diese beiden Ergebnisse aus den Sinus-Studien machen Mut:

  • Jugendliche sind laut Sinus-Jugend-Studie nicht politikverdrossen. Sie interessieren sich zwar kaum für institutionalisierte Politik, Parteien oder Verbände. Fasst man den Politikbegriff aber weiter, sind die Jugendlichen sehr wohl politisch. Gerade bei Problemen, die unmittelbar ihr Umfeld und ihre Lebenswelt betreffen, sind sie bereit, sich zu engagieren – und hier lassen sich ganz sicher Verbindungen zu Umweltthemen schaffen!
  • Das ehrenamtliche Engagement im Umwelt- und Naturschutz ist bei jungen Erwachsenen laut Umweltbewusstseinsstudie deutlich gesteigen: von 3 Prozent in 2008 auf 12 Prozent. Noch beeindruckender stellt sich das Potenzial dar: Ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen kann sich vorstellen, sich für den Umwelt- und Naturschutz zu engagieren! Klingt doch nicht schlecht, oder?

Die Sinus-Jugend-Studie ist im Buchhandel erhältlich. Im Herbst kommt die Studie als Band in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb heraus. Der Vertiefungsbericht zur Umweltbewusstseinsstudie kann hier heruntergeladen werden.

Hallo Jugendprotest! Noch da?

Cool, angepasst, leistungsorientiert… die „Jugend“ wirkt seltsam unaufgeregt. Wenn man überhaupt von der Jugend sprechen kann. Wo sind die Massen von Jugendlichen, die gegen Falsches und Etabliertes aufbegehren? Ihre antirebellische Haltung gegenüber der Erwachsenenwelt legt den Schluss nah, die Jugend sei verunsichert und vor allem mit sich selbst beschäftigt – oder ist sie einfach nur unterschätzt? Baut sich vielleicht eine völlig neue Protestkultur auf?

Früher waren Jugendliche Trendsetter und Wertewandler, heute zerfließt die Jugend in unzählige individuelle Lebensentwürfe – so der Tenor eines 3sat-Beitrags über die „Jetzt-Generation„. Damit büße die heutige Jugendkultur eine Funktion ein, die frühere so sehr ausgezeichnet hatte: das Selbstverständnis ganzer Generationen zu bestimmen.

Wir leben in einem ständigen Wandel, aber es sei kein geplanter Wandel, erklärt Soziologe Helmut Klages. Dieses Phänomen gelte für die Erwachsenen ebenso wie für die Jugendlichen. In einer Art „produktivem Chaos“ lebe jeder nach seinen eigenen Vorstellungen. Der Grund dafür liege in den unüberschaubar vielen Möglichkeiten, die wir heute haben – da könne man nur experimentieren, da müsse man einfach immer von Position zu Position wechseln. Jugendkulturen stellen heute die persönliche Entfaltung in den Mittelpunkt, nicht mehr den großen Zoff mit der Rest-Gesellschaft.

Bernhard Hainzlmaier vom Institut für Jugendforschung spricht folglich in der 3sat-Doku vom „Terror der Möglichkeiten und Optionen“. Marc Calmbach vom Berliner Sinus Institut sieht die Entwicklung weniger problematisch: Die Jugendlichen manövrierten ziemlich gut durch diese Unübersichtlichkeit. Es scheint, als haben sich viele Jugendliche ganz pragmatisch damit abgefunden, dass ihre Welt superkomplex ist. Es gehe ihnen nun weniger darum, die Gesellschaft infrage zu stellen, sondern sich selbst darin zu positionieren, erklärt Calmbach. Deshalb verlören große Ideologien zunehmend an Anziehungskraft.

Vom Materialismus zum Postmaterialismus zum Individualismus: Nach mehreren Jahrzehnten extrovertierter Jugendbewegungen ging der Antrieb verloren, ein gesamtgesellschaftliches Thema, das große Gruppen vereint. Stattdessen leben Jugendliche in einer „überbefreiten Gesellschaft“, der Überfluss erzeugt einen Mangel an Sinn. Bevor man nichts tut, macht man lieber irgendwas. Überraschenderweise sind „spießige“ Werte heute wieder in, weil sie Ordnung versprechen – Ordnung im Feld der innovativen Unordnung.

Der Soziologe Hainzlmaier zeichnet ein entsprechend düsteres Bild: Jugendliche wissen zwar, dass vieles nicht in Ordnung ist was passiert, sie machen aber trotzdem mit, weil sie die pragmatische Einsicht haben, dass sie so am einfachsten durch’s Leben kommen. In den nächsten Jahrzehnten werde der marktwirtschaftliche Mensch dominieren und sich nur versammeln zu Gemeinschaften, wenn er selbst davon profitiert.

Es gibt aber auch Anzeichen, die einen Gegentrend aufzeigen. Werden Jugendliche etwa wieder protestfreudiger? An großgesellschaftlichen Themen mangelt es nicht. Wirtschaftskrise, Klimawandel, digitale Gesellschaft – „Wir sind die 99 %“ steht auf Protestplakaten, und schon kommt wieder Hoffnung auf, die Jugend sei vielleicht doch nicht so teilnahmslos und ichbezogen.

Wie stehen also die Chancen für eine aktive Jugend – insbesondere im Hinblick auf den Umweltschutz? Zwei aktuelle Studien liefern hierzu interessante Antworten. Laut Jugend-Shell Studie 2010 sind im Vergleich zu den Vorjahren immer mehr Jugendliche sozial engagiert: 39 Prozent setzen sich häufig für soziale oder gesellschaftliche Zwecke ein. Dabei ist entscheidend, aus welchem sozialen Milieu jemand stammt. Je gebildeter und privilegierter die Jugendlichen sind, desto häufiger sind sie im Alltag aktiv für den guten Zweck.

Der Klimawandel sei weiterhin ein Top-Thema bei Jugendlichen. Viele zögen inzwischen persönliche Konsequenzen, indem sie auf ein umweltbewusstes Verhalten achten. Immerhin jeder zweite spart im Alltag bewusst Energie, 44 Prozent versuchen, häufiger mit dem Fahrrad zu fahren und das Auto stehen zu lassen, und 39 Prozent entscheiden sich für ein kleineres Auto mit geringerem Verbrauch. Ein großer Teil kann sich vorstellen, ehrenamtlich aktiv zu werden.

Dass Jugendliche dabei aber auch wenig Geduld mitbringen, zeigen die Ergebnisse der Focus-Schule-Studie 2012. „Mehr als ein Drittel engagiert sich in einer Organisation. Doch oft werden die Teenies ungeduldig“, erläutert Claus Tully vom Deutschen Jugendinstitut die Ergebnisse der Umfrage unter 700 Schülern. „Sie erwarten, dass sich schnell etwas verändert – hier und jetzt. Es dauert ihnen zu lange, bis sie Ergebnisse sehen. Deshalb schmeißen viele ihr Ehrenamt schnell wieder hin.“

Missionieren ja, aktiv werden eher weniger: Mehr als jeder vierte Jugendliche versucht, seine Eltern und Freunde zu überzeugen, dass Umweltschutz eine gute Sache ist. Dabei sind ältere Jugendliche (vor allem die Studenten) besonders eifrig, so die Ergebnisse der Focus-Studie. Doch nur die wenigsten (4,7 Prozent, Studenten 12,1 Pozent) haben Lust, selbst in einem Verein etwas für den Umweltschutz zu tun. Interessant: Die Jungs sind dazu noch eher bereit als die Mädchen.

„Nur noch kurz die Welt retten“ – der Song von Tim Bendzko bringt das Lebensgefühl umweltbewusster Jugendlicher auf den Punkt, meint Tully: „Unsere Studien haben ergeben, dass vor allem die jüngeren Jugendlichen begeisterte Strom- und Wassersparer sind, den Müll trennen oder viele Wege mit dem Fahrrad zurücklegen. Je älter die Jugendlichen werden, umso stärker achten sie auf nachhaltige Mode oder Lebensmittel. Wichtig ist ihnen aber, dass Umweltschutz nicht zu viel Aufwand bedeutet, sondern auch nebenher passieren kann.“

Eines wird man jedenfalls nicht behaupten können – dass den Jugendlichen ihre Welt egal sei. Vielmehr sind es äußere Faktoren, die es den Jugendlichen schwer machen: die bereits angesprochene Vielfalt an Möglichkeiten, der Leistungsdruck, die Schnelligkeit und permanente kommunikative Erreichbarkeit in ihrem Alltag. Aber auch ganz praktische, strukturelle Faktoren wie der Bildungsgrad oder die soziale Herkunft bestimmen darüber, wie sehr sich ein Jugendlicher verantwortlich einbringen möchte und einbringen kann.

Und nicht zuletzt sind es auch die hohen Erwartungen an diese Generation, die auf den Schultern der Jugendlichen lasten. Für die Fehler der Vorgängergenerationen sollen sie nun rasch viele kreative Lösungen finden. Doch die Jugend reagiert auch hierauf wieder überraschend gelassen. Das positive Denken überwiegt. Gegenüber 2006 habe sich, so die Shell-Studie, der Optimismus der Jugendlichen deutlich erhöht: 59 Prozent blicken ihrer Zukunft zuversichtlich entgegen, 35 Prozent äußern sich unentschieden und nur 6 Prozent sehen ihre Zukunft eher düster.

Der Protest der Jetzt-Generation ist nicht so laut wie der früherer Jugendgenerationen. Das heißt nicht, das er nicht da ist. Er ist subtiler – und wird deshalb gerne unterschätzt. Eine starke neue Umweltbewegung ist dann wohl doch möglich. Die nächste Revolution kommt – aber sie wird eine stille sein.